Der Barde von Angus Donald

 

Der Barde, Abenteuerroman

Knaur TB, März 2010

448 Seiten, Taschenbuch

ISBN 978-3-426-50370-6

8,95 €


 

Robin Hood - Held ohne Heiligenschein

 

Trotz des wenig verräterischen Titels „Der Barde“ wird der Leser schnell merken, dass sich zwischen den Buchdeckeln eine weltberühmte Geschichte versteckt – die Geschichte des Robin Hood, Anführer der Geächteten aus Sherwood Forest.

Wer jetzt denkt: „Schon wieder Robin Hood!“ und das Buch ungelesen zur Seite legt, macht einen großen Fehler. Denn er hätte schnell gemerkt, dass hier eine alte Geschichte ganz neu, aus einer völlig anderen Perspektive und vor allen Dingen ohne das Hollywood-typische Helden-Pathos erzählt wird.

 

Alan Dale, ein junger Taschendieb, wird dabei erwischt, wie er eine Pastete stiehlt. Dummerweise gerät er dabei ausgerechnet dem grausamen Sir Ralph Murdac in die Finger, dem Verwalter von Sherwood Castle. Mit letzter Not kann er dem Verwalter, seinen Soldaten und der drohenden Strafe entkommen.

Noch am selben Tag wird Alan von seiner Mutter  dem Herrscher der Wälder, Robin Hood, vorgeführt mit der Bitte, ihm Schutz zu gewähren.

Robin Hood nimmt den Jungen unter seine Fittiche und versteckt ihn vor dem Zugriff Murdacs. In der Obhut der Geächteten lernt Alan das Kriegshandwerk. Doch auch die musikalische Ader des Jungen bleibt Robin Hood nicht verborgen und er ahnt, wie er dieses Talent für seine Zwecke einsetzen kann.

Der ebenfalls geächtete französische Barde Bernard bekommt den Auftrag, den Jungen zu unterrichten. Bernard verfeinert Alans Fähigkeiten, indem er ihn die Kunst des Singens und Komponierens lehrt.

Ausgestattet mit derart künstlerischen Qualitäten wird Alan zu einem Mann, der für Robin Hood wertvolle Dienste leisten kann, indem er zusammen mit seinem Lehrmeister Bernard an den Hof von Königin Eleonore gesandt wird, um dort für seinen Herrn zu spionieren.

Dadurch allerdings gerät er in höchste Gefahr, als er erneut auf Sir Murdac triff und auf Guy, einen ehemaligen Gefolgsmann von Robin Hood, der Alan nie wohlgesonnen war und eines Tages des Diebstahls bezichtigt und aus der Gemeinschaft der Geächteten ausgestoßen wurde.

 

Die Geschichte um Robin Hood wird in dem Buch „Der Barde“ aus der Sicht des jungen Alan Dale erzählt, für den der Herrscher der Wälder immer ein Held war. Doch von dem Tag an, als er auf der Flucht vor Murdac mit seinem Vorbild in die Wälder zieht, muss er mehr und mehr erkennen, dass es auf der schillernd hellen Fassade seines Helden auch etliche dunkle Flecken gibt.

Angus Donald beschreibt Robin Hood nicht nur als den Heroen, der sich für die Armen und Unterdrückten einsetzt. Vielmehr präsentiert er uns einen Menschen mit Stärken und Schwächen, einen Mann, dem Grausamkeit genauso wenig fremd ist, wie seinen Gegnern und der ebenso brutal und rücksichtslos zur Sache geht, wenn es seinen eigenen Interessen dient. Und wer Robin Hood bisher nur als einen Menschen kennt, der selbstlos den Armen gibt, was er den Reichen genommen hat, sieht sich getäuscht, wenn er bei Angus Donald lesen muss, dass der Herrscher der Wälder sich von den Unterdrückten für seine Schutzdienste bezahlen lässt.

Angus Donald zerreißt in „Der Barde“ schonungslos das verklärende Mäntelchen, das die sagenhafte Figur des Robin Hood umhüllt und präsentiert dem Leser, quasi als Belohnung, einen Menschen, der mit all seinen Makeln wesentlich authentischer und glaubwürdiger daherkommt, als wir es bisher kannten. Plötzlich ist es sogar möglich, sich mit ihm zu identifizieren.

Und noch ein Plus kann Donalds Buch verzeichnen:

Nicht Robin Hood ist die Hauptfigur seines Romans, sondern der Ich-Erzähler Alan Dale. Der kleine Dieb, der in den Wäldern Sherwoods erwachsen wird und seinen Weg findet, auf dem er mit Geschick und List das eigene Überleben sichert. Dieser Reifeprozess wird begleitet von heftigen Turbulenzen in seiner Gefühlswelt, insbesondere im Bezug auf das Handeln seines Mentors. Angezogen und gleichzeitig abgestoßen von manchen Handlungen Robin Hoods, bleibt er ihm doch stets treu.

Es ist sicher keine leichte Kost, die Angus Donald denjenigen vorsetzt, die sich Robin Hood bisher als makellose Heldengestalt bewahrt haben, und auch nicht für zart besaitete Seelen, denn besonders in den Kampfszenen geht es recht blutrünstig und grausam zur Sache.

 

Dennoch – Freunde des packend erzählten Abenteuerromans sollten bei dem Buch „Der Barde“ ebenso zugreifen, wie diejenigen, in deren Herzen die sagenumwobene Gestalt des Robin Hood auch heute noch lebt. Sie werden es nicht bereuen!

 

Roland Lange, 5.10.2010