Freitags Tod von Anne Kuhlmeyer

 

Freitags Tod, Münsterland-Krimi

Prolibris Verlag Rolf Wagner, Oktober 2010

253 Seiten, Paperback

ISBN 978-3-935263-75-7

12,00 €


 

Freitags Tod - Eine Tauchfahrt in die menschliche Seele

 

"Er war kein guter Mensch", sagte Irina Glück, als sie ihren Chef fand. Und jetzt sah er grässlich aus, ohne Augen im Gesicht. Conrad Böse und Julia Morgenstern von der Kripo Coesfeld hören in seinem Umfeld kein gutes Wort über ihn. Nicht von seinen Mitarbeitern im Haus Abendsonne und erst recht nicht von seiner Familie. Es gab wohl mehr als einen Grund ihn umzubringen. Während Konrad Böse den Spuren eines Verdächtigen folgt, stellen sich kurz hintereinander gleich zwei mutmaßliche Mörder. Julia glaubt keinem der beiden. Aber den einen muss sie verhaften, denn er präsentiert ihr die Tatwaffe. Doch dann wird ein wichtiger Zeuge überfallen und mit einem Messer schwer verletzt. Offensichtlich gibt es noch jemanden, der ein Motiv für den Mord gehabt hat ...

 

Glaubt man dem Klappentext des Buches von Anne Kuhlmeyer, so kann man durchaus annehmen, es mit einem Krimi zu tun zu haben, einem Regionalkrimi obendrein, wie der Coveraufdruck "Ein Krimi aus dem Münsterland" suggerieren will.

Sicher, "Freitags Tod" ist ein Krimi - irgendwie. Es gibt die obligatorische Leiche, es gibt das unvermeidliche Ermittler-Duo, es gibt Indizien, Beweise, Spuren, Verdächtige, eben alles, was an Zutaten zu einem Krimi dazugehört. Und die Geschichte spielt, zumindest zu großen Teilen, im Münsterland, was die geografische Zuordnung und die Bezeichnung "Regionalkrimi" legitim erscheinen lässt.

Aber schon auf den ersten Seiten von "Freitags Tod" rückt die eigentliche Krimihandlung in den Hintergrund, bis sie irgendwann nur noch ein untergeordnetes Beiwerk darstellt. Anne Kuhlmeyer nimmt die Ermittlungen im Mordfall Gottfried Freitag, dem Leiter des Altenheims, zum Anlass, schreibend in die Seelen ihrer Protagonisten einzutauchen. Was sie dort zutage fördert und uns präsentiert, ist weit spannender, als es mancher Krimi zu sein vermag. Kein Wunder, gibt es hier doch keine Spur zu verfolgen, die sich relativ geradlinig zur erwarteten Lösung des Falls hinzieht.

Wir befinden uns tief in der Welt der menschlichen Gefühle, in der Hass und Liebe, Wut und Scham, Ängste und Hoffnung gleichberechtigt nebeneinander stehen. Es gelingt uns nicht, nüchterne, sachliche Schlussfolgerungen zu ziehen. Viel zu sehr werden wir von den inneren Kämpfen der Protagonisten in Beschlag genommen, entdecken uns mehr als einmal selbst in den Figuren. Wir nehmen Partei, leiden und hoffen mit, wünschen uns, dass sich alles zum Guten wendet und wissen gleichzeitig, dass es nicht gut wird, nicht gut werden kann!

"Freitags Tod" verlangt dem Leser einiges ab. Er muss sich auf verschiedene Handlungsstränge einlassen, die ein scheinbares Eigenleben führen, muss wechselnde Erzählperspektiven verkraften. Er wird hin und her geworfen zwischen seelischen Abgründen, der Hilflosigkeit gegenüber den Alltagsanforderungen und der zarten Pflanze einer Liebesbeziehung, die er nur zu gern behüten würde, wenn er denn könnte.

 

All das erzählt Anne Kuhlmeyer in ihrem Erstlingswerk unaufgeregt und mit einem Understatement, das für den Leser nur einen Schluss zulässt: Die Autorin hat sich nicht etwa eine haarsträubende Geschichte zusammengereimt - nein, sie zeigt uns den Alltag! Genau das macht die Qualität von "Freitags Tod" aus. Wir haben es hier mit einem unverkrampft gemalten Sittenbild zu tun, angereichert mit wunderbaren Formulierungen, die die Lektüre trotz aller Beklemmung zum Genuss werden lassen. "Schmutziges Geschirr auf dem Tisch und ein Blues zwischen den Wänden.", ist so ein Satz.

 

Sollte jemand darauf hoffen, mit dem Schlusspunkt in "Freitags Tod" auch eine Erlösung von der quälenden Tauchfahrt in die menschliche Seele zu erfahren, wird er enttäuscht werden. Es geht weiter, immer weiter ...

 

Fazit: Wer bereit ist, sich Anne Kuhlmeyers Erstlingswerk unvoreingenommen zu nähern, wird belohnt werden mit einer Geschichte, die es in sich hat, die auf Klischees verzichtet und den Leser bis an die Schmerzgrenze treibt. Er wird komplexe, glaubwürdige Charaktere kennenlernen, die genügend Raum haben, sich zu entwickeln. Aber er wird auch Ausgleich erfahren durch wunderbare Formulierungen, poetisch und voller Bildhaftigkeit. Kurz, mit "Freitags Tod" bekommt der Leser ein Werk in die Hand, das fesselnder nicht sein kann und das nach einer Fortsetzung verlangt.

 

Roland Lange, 26. November 2010