16/01 2015:
Die Drahtzieher im digitalen Netz




Marc Elsbergs Thriller „Zero“ zeichnet eine erschreckend realistische Zukunftsvision

von Christian Dolle

 

Wir sind längst nicht so individuell, wie wir glauben. Zumindest gibt es um uns herum viele Programme, die uns zum Teil besser kennen als wir selbst. Oder wie sonst lassen sich genau auf uns zugeschnittene Suchergebnisse bei Google erklären, warum sonst bekommen wir immer häufiger nur noch Werbung von jenen Firmen, in deren Käuferprofil wir passen? Datenverkauf wird in unserer globalisierten Welt immer wichtiger und laut dem Autor Marc Elsberg könnten wir an einer Schwelle stehen, an der wir als Krone der Schöpfung von selbstständig lernenden Programmen abgelöst werden.

 

Besonders drastisch und leider auch erschreckend realistisch stellt er diese Theorie in seinem Thriller „Zero“ dar. Er erzählt von einer Firma, die sogenannte „ActApps“ auf den Markt bringt, Programme, die ihren Nutzern sagen, wie sie sich verhalten sollen, um erfolgreicher und glücklicher zu werden – mit überwältigenden Ergebnissen. Doch wie bei jeder technischen Neuerung gibt es auch bei diesen Programmen kleine Fehler, die dummerweise den Tod einiger User nach sich ziehen.

 

Als ein Jugendlicher mit Hilfe einer Datenbrille einen Kriminellen verfolgt und dabei ums Leben kommt, ruft das die Journalistin Cynthia Bonsant auf den Plan. Sie kennt sich zwar wenig in der Welt der Datenriesen und Internetgiganten aus, hat aber dafür ihre Moralvorstellungen der analogen Welt noch nicht einem rein profitorientierten Update geopfert und sagt den übermächtig und vor allem omnipräsenten Feinden den Kampf an.

 

Elsbergs Geschichte ist spannend und gut konstruiert. Seine Zutaten wie soziale Netzwerke, die nahezu alles über ihre Kunden wissen, Datenbrillen und Internetfirmen, die dank unzähliger Daten einen kaum zu unterschätzenden Einfluss auf die Welt haben, gibt es bereits. Er braucht – wie schon bei seinem ersten Bestseller „Blackout“ – nur wenig Fiktion, um daraus eine beklemmende Zukunftsvision zu zeichnen. Das macht dieses Buch so erschreckend und so großartig.

 

Vielleicht ist der gelernte Industriedesigner und Werbefachmann nicht der feinsinnigste Schriftsteller. Vor allem seine Nebenfiguren wirken manchmal etwas hölzern und austauschbar, so dass mancher Leser froh ist über das Figurenverzeichnis am Buchende. Doch dem Autor geht es nun einmal um seine Message. Ein wenig ist es so wie bei Huxleys „Schöne neue Welt“, das literarisch auch nicht in allen Belangen mit Orwells „1984“ mithalten kann. Dafür ist die Botschaft, die ja mehr eine düstere Ahnung ist, so energisch erzählt, dass sie auf jeden Fall aufrüttelt.

 

Besonders deutlich wird dies auch bei Elsbergs Lesungen, beispielsweise als er mit „Zero“ beim Mordsharz-Festival zu Gast war und dabei nur äußerst wenige Stellen vorlas, dafür aber umso mehr über die Hintergründe und den Wahrheitsgehalt seiner Dystopie sprach. „Im Grunde ist es keine Fiktion, wir sind schon jetzt gläserne Kunden“, berichtete er aus seiner Erfahrung in der Werbebranche. Dank der Daten, die wir täglich im Internet preisgeben, lassen sich Muster erstellen, mit denen man Menschen sehr gut und vor allem für Unternehmen gewinnbringend analysieren kann. Der Schritt zur Manipulation ist dann nicht mehr weit.

 

„In dieser vernetzten Welt ist Kontrolle über dein Leben eine Illusion!“, lässt Elsberg einen seiner Protagonisten sagen, „Willst du die Vorzüge der modernen Zivilisation genießen, kannst du das nicht ohne die andere Seite der Münze. Und das sind wir, die digitalen Vernetzer und Steuermänner.“