11/04 2015:
Wegsehen für das große Glück


Martin Suters „Montecristo“ deckt die Machtstrukturen im Dunkeln unserer Gesellschaft auf

von Christian Dolle

 

Der Videojournalist Jonas Brand steht vor einer schweren Entscheidung. Gerade wurde ihm angeboten, seinen Lebenstraum – einen eigenen Spielfilm – doch noch zu verwirklichen, obwohl er selbst kaum noch daran glaubte. Soweit kein Grund, dem unerwarteten Glück zu misstrauen, wenn es nicht ausgerechnet zu ihm kam als er in einer möglicherweise brisanten Sache um Banken, deren Risiken und das Vertuschen eklatanter Fehler recherchierte.

 

Jonas ist die Hauptfigur des neuen Romans von Martin Suter, seit einigen Jahren Videojournalist wider Willen, weil er eigentlich seinen Spielfilm um einen als Drogendealer in Asien im Gefängnis sitzenden aber unschuldigen Touristen drehen will. Dieser Film mit dem Arbeitstitel „Montecristo“ gibt auch Suters Buch den Namen und steht stellvertretend für jenen großen Lebenstraum, der sich dank so vieler Verpflichtungen im Alltag leider niemals verwirklichen lässt.

 

Daneben geht es aber auch, wie für Suter typisch, um jene Menschen an der Spitze des kapitalistischen Systems, die die Welt als großes Spielfeld für große Finanzdeals, gewagte Spekulationen und die eigene Karriere sehen. Diesmal entwirft der Autor ein Szenario, das zu einer erneuten Finanzkrise führen könnte und den Einfluss und die Möglichkeiten von Banken und staatlichen Organisationen ebenso zynisch wie treffend darstellt.

 

Suters Zutaten sind seinen Stammlesern bekannt, gleich der Einstieg mit einem Personenschaden in einem Zug mag an die Geschichte in „Ein perfekter Freund“ erinnern, viele Nebenfiguren entstammen der „Business Class“ und im fatalistisch-stoischen Antihelden Jonas könnte man einen älteren Bruder David Kerns aus „Lila, Lila“ erkennen. Suters schnörkellose und doch vielsagende Sprache machen daraus von Beginn an einen fesselnden Wirtschaftskrimi, der sich von der Masse des Genres positiv abhebt.

 

Doch Suter setzt längst nicht nur auf Bewährtes, sondern wagt sich diesmal an einen Thriller, der erschreckend nah an der Wirklichkeit erscheint und  ins Grübeln über die Machtstrukturen im Dunkeln unserer Gesellschaft bringt. Fast als Gegengewicht dazu ist ihm mit Jonas Brand diesmal eine Hauptfigur gelungen, die dank vieler allzu menschlicher Schwächen sympathisch ist und deren Zögern und Abwägen sich in jeder Situation nachvollziehen lässt. Dass sein innerer Konflikt nicht durch Bedrohung, sondern durch Verheißung ausgelöst wird, macht die Geschichte dabei noch reizvoller.

 

Allein das irgendwie offene Ende wird manchen Leser unbefriedigt zurücklassen, ist jedoch letztlich konsequent und trägt nach einem vielleicht etwas überzogenen Finale zur Glaubwürdigkeit bei. In jedem Fall ist Suter mit „Montecristo“ ein Buch gelungen, das sich, einmal angefangen, nur schwer aus der Hand legen lässt und das anschließend noch lange nachwirkt.