19/08 2015:
Gescheiterte Integration als Mordmotiv


Zoë Beck widmet sich in „Schwarzblende“ einem brisanten Thema

 von Christian Dolle

 

In einem Londoner Park ermorden zwei junge Männer mit Macheten einen Passanten und schwenken anschließend die Flagge des Islamischen Staates. Kameramann Niall, der alles mit dem Handy filmt wird von den Tätern aufgefordert, das Video auf YouTube hochzuladen. Als die beiden später von der Polizei überwältigt werden, landet auch Niall im Gefängnis und bekommt zu spüren, dass allein die Angst vor islamistischem Terror den Rechtsstaat in seinen Grundfesten erschüttert.

 

In „Schwarzblende“ präsentiert Zoë Beck einen der aktuellsten, erschreckendsten und vielleicht besten Romanauftakt der letzten Jahre. Und auch nach dem an ein wahres Verbrechen angelehnten Anfang kann sie dieses Niveau halten. Nach dem hilflosen Überreagieren der Polizei lässt sie ihren Protagonisten das undifferenzierte Ausschlachten der Medien und schließlich auch die Instrumentalisierung durch die Politik spüren. Während Niall sich in einer Dokumentation mit den Beweggründen der beiden Mörder befasst und dabei sich und andere in höchste Gefahr bringt, macht die Autorin deutlich, wie wenig die westliche Welt mit dieser neuen Bedrohung umzugehen vermag.

 

Zoë Becks Schreibstil schafft es, ein brisantes und komplexes Thema in eine fesselnde und beeindruckende Geschichte zu verpacken. Sie erzählt ihre Geschichte schnörkellos und spannend, vor allem aber so nah an der Wirklichkeit, dass es manchmal schwerfällt, das Buch nur als Krimi zu betrachten. Der ist zweifelsohne gut konstruiert, bedient sich manchmal zu oft des Zufalls, hat aber keine Lägen und die Figuren agieren immer glaubhaft. Die wahre Stärke des Romans offenbart sich aber, wenn die Autorin auf größere Zusammenhänge eingeht, Hintergründe beschreibt und sogar Deutungen präsentiert.

 

Die Faszination junger Menschen für den Dschihad erklärt sie mit gescheiterter Integration, sie beschreibt junge Muslime, denen die Hamas im Konflikt zwischen Palästina und Israel nicht radikal genug ist, Imame, die Fremdenfeindlichkeit mit unerschütterlichem Glauben an Harmonie entgegentreten, und Politiker, der einen Krieg gegen den Islamischen Staat vor allem aus wirtschaftlichen Gründen befürworten. Zwar ist das alles überspitzt und komprimiert, doch ehrlich und mutig, was Literatur darf und sollte.

 

Wenn Beck schon jetzt zu den interessantesten Autorinnen der Gegenwart gehört und ihre Werke bereits mehrfach preisgekrönt sind, so untermauert sie diesen Ruf mit „Schwarzblende“ noch einmal deutlich. Ohne moralischen Zeigefinger, ohne strittigen Fragen aus dem Weg zu gehen und vor allem ohne ein aktuelles Thema nur als Kulisse zu verwenden, bildet sie Realität differenzierter und besser ab als manche Reportage und Dokumentation.