11/09 2015:
Eiskalt und blutig


Mit ihrem Roman „Kellerkind“ wirft Nicole Neubauer einen tiefen Blick in menschliche Abgründe

 von Christian Dolle

 

Ein Jugendlicher mit blutverschmierten Händen und Blutergüssen am ganzen Körper im Keller, ein paar Stockwerke darüber eine Anwältin mit durchschnittener Kehle. Doch so spektakulär „Kellerkind“ von Nicole Neubauer beginnt, so schnell geht der Krimi auch in die Tiefe und beschreibt Figuren und Beziehungen, die vielschichtig sind und niemals eindeutig nur Täter oder Opfer.

 

Die ermordete Anwältin gibt den Kommissaren Rätsel auf, da sie ihre Persönlichkeit vor all ihren Mitmenschen zu verbergen wusste, der Junge kann oder will sich an nichts erinnern und schließlich kommt auch noch sein Vater mit besten Beziehungen zu den Einflussreichen der Stadt hinzu, der die Ermittlungen am liebsten ganz unterbinden will und damit noch mehr Fragen nach dem Warum aufwirft. Auch die drei Ermittler Waechter, Brandl und Schuster zeichnet Neubauer als komplexe Charaktere, denen die eigenen Schwächen und Probleme häufig im Weg stehen.

 

Obwohl „Kellerkind“ Neubauers erstes Buch ist – zuvor errang sie allerdings mit ihrem Kurzkrimi „Backstage“ den zweiten Platz eines Kurzgeschichtenwettbewerbs und ist Mitglied der Mörderischen Schwestern e. V. sowie der Autorenvereinigung e. V. –  ist ihre Geschichte ausgefeilt und konzentriert sich  mehr noch als auf die Krimihandlung auf all die menschlichen Abgründe, die grausame Verbrechen überhaupt erst möglich machen. Längst vergangen geglaubtes, wird schmerzlich wieder freigelegt und es wird deutlich, dass alles Handeln selten folgenlos bleibt, auch wenn diese manchmal erst Jahre später ans Licht kommen.

 

Dass Neubauer die Handlung im verschneiten und klirrend kalten München spielen lässt und dabei die Arroganz der High Society auf die Tristesse einer Suppenküche oder eines Altenheimes prallen lässt, verstärkt die Bitterkeit, die die Autorin zur Grundstimmung ihres Buches macht. Gerade wenn die Kommissare nicht weiterkommen, sich im Kreis zu drehen scheinen und verzweifeln, entwickelt das Buch seine größten Stärken und wird zu einem Gesellschaftsportrait, das im Genre nicht allzu häufig zu finden ist. Und dennoch wirkt die Aufklärung des Falles schließlich wieder wie ein ähnlicher Schlag in die Magengrube wie der blutige Anfang.

 

Es wundert nicht, dass die studierte Literaturwissenschaftlerin und Juristin von Kritikern wie von Lesern für ihren Erstling hoch gelobt wurde.