02/12 2015:
Ein Ermittler, dem fast alles zuzutrauen ist



Im Augenblick des Todes stellt Kommissar Boesherz vor einen Fall, der ihm alles abverlangt


Der Berliner Autor Vincent Kliesch war schon häufiger zu Gast im Harz

Der Thriller „Im Augenblick des Todes“ von Vincent Kliesch spielt auch im Harz

 von Christian Dolle

 

„Nennen Sie mich Ismael“, sagt der Unbekannte, der Kommissar Severin Boesherz kurz darauf an den Tatort eines ebenso akribisch wie kaltblütig inszenierten Mordes führt. Boesherz erkennt es als eine Kopie jenes Verbrechens, das er als einziges in seiner Karriere nie lösen konnte, und macht sich nun umso besessener an die Aufklärung. Dabei verstrickt er sich mehr und mehr in seine eigene Vergangenheit, so dass für seine Kollegen vom Berliner LKA bald nicht mehr klar ist, auf welcher Seite er eigentlich steht. Vor allem irritiert sie seine Beziehung zu einem fünfzehnjährigen Jungen aus dem Harz, die er unter allen Umständen geheimzuhalten versucht.

 

Der neue Thriller des Berliner Autors Vincent Kliesch schockt wie gewohnt mit brutalen Morden und Ermittlungen, die zunächst mehr Rätsel aufwerfen als sie Fragen beantworten. Soweit ist es nicht weniger als das, was Genrefans erwarten, dargeboten in rasantem und nicht minder elegantem Schreibstil. So pointiert Kliesch bei seinen Lesungen unterhält, so präzise weiß er in seinen Büchern die Spannung aufzubauen und seine Leser zu fesseln. Das ist auch in seinem Metier nicht selbstverständlich, für viele Leser jedoch nur eine Grundvoraussetzung für einen Roman.

 

Eine weitere ist die Hauptfigur, die beim Thriller bekanntlich häufig durch beeindruckende Logik besticht und, um ihr vermeintlichen Tiefgang zu geben, als gebrochener Charakter beschrieben wird. Dabei sollte sie immer der eindeutige Sympathieträger sein, um die Faszination für den ebenso genialen Gegenspieler nicht allzu groß werden zu lassen. Klieschs Severin Boesherz jedoch ist so arrogant, dass er seine überdurchschnittliche Intelligenz und seine stilvolle Lebensart sogar dem Leser gegenüber herauszukehren scheint. Im ersten Fall für Boesherz, „Bis in den Tod hinein“, mag das noch ein Störfaktor gewesen sein, im aktuellen „Im Augenblick des Todes“ macht der Autor genau das zum zentralen Thema der Geschichte.

 

Zwar glaubt jeder Krimileser zu wissen, dass Boesherz nicht der Mörder ist, weil nicht sein kann, was nicht sein darf, doch es ist ihm zuzutrauen. Es ist ihm zuzutrauen, dass er mit seinen Kollegen ein perfides Spiel spielt und ebenso, dass er eine geheime Affäre mit einem Minderjährigen hat, den er heimlich aus Bad Lauterberg nach Berlin einbestellt. Somit spielt auch der Autor gekonnt mit den Erwartungen seiner Leser, lässt sie schwanken zwischen der literarisch anerzogenen Identifikation mit dem Helden und der natürlichen Ablehnung dessen überheblicher Attitüde.

 

Ebenso wie Kliesch auf den von der Jagd nach Moby Dick besessenen Kapitän Ahab anspielt, erinnert sein Ermittler auch an Dürrenmatts Kommissar Matthäi. Während der in „Das Versprechen“ jedoch an seinem ungelösten Fall zerbricht und verstummt, muss Boesherz all seine Geheimnisse offenbaren und sich schließlich einem spektakulären und absolut filmreifen Finale stellen, das dann doch wieder typisch für aktuelle Thriller ist. Somit ist „Im Augenblick des Todes“ eine intelligent konstruierte Geschichte um einen in Erinnerung bleibenden Ermittler und vor allem eines jener Bücher, die nicht gelesen, sondern verschlungen werden.