25/12 2015:
Böses Bärchen


Wen besucht der Nikolaus?

 

Alles fing mit dem Adventskalender an. Seit Jahren hatte ich keinen mehr, doch in diesem Jahr bekam ich ihn plötzlich für einen angeblich gelungenen Artikel in die Hand gedrückt. Als ich zwei Tage später nach Hause kam, waren alle Türchen offen, der Kalender leer und er saß mit schokoverschmierter Schnauze auf dem Sofa. „Wozu soll sowas gut sein?“, fragte er als ich ihm erklärte, dass man bei einem Adventskalender jeden Tag nur ein Türchen öffnete. Meine Erklärung mit dem Warten auf die Geburt Jesu schien ihn ebenso wenig zu beeindrucken wie der Hinweis, dass es zudem mein Kalender und nicht seiner war.

 

In den kommenden Tagen musste er sich intensiv mit den menschlichen Weihnachtsbräuchen auseinandergesetzt haben, denn als ich mich am Nikolaustag mit Freunden auf dem Weihnachtsmarkt treffen wollte, konnte ich meine Schuhe nicht finden. Sämtliche Schuhe. Erst als ich das Treffen längst mit einer fadenscheinigen Begründung abgesagt hatte, entdeckte ich meine Schuhe vor der Tür, natürlich nicht im Treppenhaus, sondern vor der Haustür und da es über Nacht ganz harztypisch durchgehend geregnet hatte, konnte ich den Weihnachtsmarktbesuch endgültig abschreiben.

 

Statt wenigstens ein bisschen Schuldbewusstsein zu zeigen, machte er seiner Empörung über die Arbeitsmoral des Nikolauses Luft. „Ihr dürft jeden Tag nur ein Stück Schokolade essen, aber dieser Typ hält sich nicht an seinen Teil der Abmachung und kommt einfach nicht!“, fluchte er vor sich hin. „Naja, das liegt daran, dass es ihn eigentlich gar nicht gibt“, versuchte ich ihn zu beschwichtigen. „Wie es gibt ihn nicht?“ „Es gab ihn schon, also früher mal. Jetzt ist er allerdings mehr so eine Erfindung für Kinder, um denen eine Freude zu machen“, sagte ich und bemerkte, wie er um Fassung rang. „Ihr lasst euch von einem virtuellen Clown im roten Mantel vorschreiben, wieviel Schokolade ihr essen dürft? Da sind ja die Weight Watchers mit ihrer Punktezählerei noch überzeugender.“

 

Sein Entsetzen steigerte sich noch als er im Internet las, dass der Nikolaus nicht nur Geschenke brachte, sondern das ganze Jahr über alles sieht und böse Kinder für ihre Vergehen dann mit der Rute bestraft. „Mal davon abgesehen, dass eine Strafe, die nicht sofort erfolgt, pädagogisch völlig unsinnig ist, verstehe ich nicht so ganz, warum ihr euch dann darüber aufregt, dass Google, Facebook und so weiter auch all eure Daten speichern“, kommentierte er und fügte mit bissigem Unterton hinzu: „Kein Bär würde seinen Nachkommen sowas antun.“

 

Trotzdem ließ das Thema Weihnachten mit all seinen Bräuchen ihn nicht los und in den kommenden Tagen probierte er sich durch unzählige Schokoladenweihnachtsmänner, Lebkuchen und Dominosteine, von denen schneller nur ein paar Krümel übrig blieben als ich für Nachschub sorgen konnte. „Vielleicht muss ich dich irgendwann doch noch bei den Weight Watchers anmelden“, stichelte ich. „Nee, das ist normal, ich brauche nun mal meinen Winterspeck. Das ist bei uns Tradition.“ Dass allerlei überteuerte Süßwaren zu dieser Tradition gehörten, war mir neu, doch es ließ mich aufhorchen.

 

„Heißt das, du hältst dann auch ein paar Monate Winterruhe?“, fragte ich, ohne dass ich den hoffnungsvollen Klang meiner Stimme dabei unterdrücken konnte. „Wie könnte ich, wenn ich ständig damit rechnen muss, dass mich ein NSA-Agent mit Rute aus dem Schlaf reißt?“, gab er zurück und stopfte ein weiteres Plätzchen in sich hinein.

 

Ein paar Tage später stand er vor der Krippe auf der Kommode, sah sie sich lange an und fragte dann: „Sag mal, ist das mit dem Kind, das angeblich an Weihnachten geboren wird, eigentlich auch nur Fake?“ Ich schüttelte den Kopf und erzählte von Bethlehem, der Geburt im Stall und den Weisen, die von weit her kamen, um den Messias zu sehen. Ich rechnete damit, dass er mich gleich wieder mit einer abfälligen Bemerkung unterbrechen würde, aber diesmal hörte er ruhig zu. Vielleicht war ihm auch nur der Christstollen auf den Magen geschlagen, doch ich sprach weiter von den Hoffnungen, die wir Menschen in die Geburt von Gottes Sohn legen und die Geborgenheit, die Weihnachten eben wirklich bedeutete.

 

Nach einer ganzen Weile guckte ich zu ihm runter und er sah aus seinen kleinen Knopfaugen zu mir hoch. „Was ist los?“, wollte ich wissen. Er ließ seinen Blick über die ganze kitschige Weihnachtsdeko aus bunten Lichterketten und blinkenden Schneemännern schweifen, die er in den letzten Wochen überall in der Wohnung aufgebaut hatte, dann sagte er leise: „Vielleicht seid ihr Menschen doch nicht so materialistisch, wie allgemein angenommen. Diese Bedeutung von Weihnachten ist jedenfalls echt schön.“

 

Tatsächlich wurden die letzten Tage vorm Fest dann doch relativ ruhig, die Weihnachtsdeko nahm zumindest nicht mehr zu, er aber durch die Vernichtung aller Süßigkeiten schon. Anscheinend hatte er kapiert, dass es nicht um Glitzer und Geschenke ging, was mich zugegebenermaßen ein wenig stolz machte. Am Vormittag des Heiligen Abends wollte ich dann zu meinem Bruder aufbrechen, um mit der ganzen Familie gemeinsam zu feiern. Die Geschenke hatte ich diesmal schon früh gekauft, verpackt und sorgsam unter dem Bett deponiert. Als ich sie jetzt allerdings ins Auto laden wollte, zog ich nur noch zerfetztes Geschenkpapier hervor.

 

Wem ich das zu verdanken hatte, war mir schnell klar und ich stellte ihn zur Rede. Er hatte nicht nur alle Geschenke geöffnet, sondern sich auch noch alles unter den Nagel gerissen, was er gebrauchen konnte. Und gebrauchen konnte er ja grundsätzlich alles. „Woher sollte ich denn wissen, dass dir die Pakete da unterm Bett so wichtig sind?“, fragte er ohne jede Spur von Schuldbewusstsein, „Erstens lagen die da schon seit Wochen, ohne dass du sie je wieder angesehen hast, und zweitens hast du doch immer behauptet, dass es an Weihnachten nicht auf materielle Dinge ankommt.“




24/11 2015:
Böses Bärchen - Wer behält einen kühlen Kopf ?


 von Christian Dolle

 

(cd) Nichts passierte. Egal, was ich auch versuchte, es tat sich nichts. Ob ich eine Taste drückte, ob ich die Maus bewegte oder auf „Strg“, „Alt“ und „Entf“ herum hämmerte, auf dem Monitor tat sich nichts. „Warst du an meinem Rechner?“, fragte ich ihn, obwohl ich die Antwort bereits ahnte. „Ja, aber da ging er noch.“ Erst neulich hatte er sich hunderte von Videos runtergeladen. Die meisten über das Paarungsverhalten von Bären, die die Bezeichnung Dokumentation kaum noch verdienten.

 

Dazwischen auch Videos von sogenannten Furrys, also Leuten mit einem Fetisch für Tierkostüme, die ähnliche Dinge taten wie die Bären in den Dokus. Im Internet gibt es ja bekanntlich nichts, was es nicht gibt. Einige Filmchen hatte er sich von einer dubiosen russischen Seite heruntergeladen und dabei auch einen Virus erwischt, der mich und mein Anti-Virenprogramm etliche Stunden gekostet hatte.

 

Mehr als eindringlich hatte ich ihm klargemacht, dass ich nun einmal beruflich auf den Computer angewiesen bin und ihn dringend brauche, um meine Artikel erstens zu schreiben und zweitens an den Eseltreiber zu schicken. Dass ich zudem absolut kein technisches Verständnis und somit im Fall des Falles keine Ahnung habe, wie ich die Kiste wieder zum Laufen bringe, verschwieg ich lieber. Womöglich hätte er sich sonst zu meinem persönlichen Systemadministrator erklärt.

 

Und jetzt saß ich davor und nichts rührte sich. Natürlich an einem Samstagnachmittag, den ich ohnehin gerne in der strahlenden Sommersonne verbracht hätte und wo ich auch keine Chance hatte, noch irgendjemanden zu erreichen, der mir hätte helfen können. Blieb also nur die Reset-Taste. Doch als der Rechner erneut hochgefahren war, ich meinen leider nicht gespeicherten Text noch einmal komplett neu geschrieben hatte, fror der Monitor wieder ein und verweigerte jeglichen Dienst.

 

Immerhin hatte ich diesmal nach jeder Zeile gespeichert und tatsächlich war der Text nach erneutem Hochfahren auch noch da. Nützte aber auch nichts, da sich der Computer beim Start des Mailprogramms erneut aufhängte. Aufgeben kam nicht infrage, denn wenn die Schützen am Montag nichts über ihr Schützenfest lesen konnten, wollte ich mir gar nicht ausmalen, wer demnächst zur Zielscheibe wurde. Ich hätte sie hingegen viel lieber auf Bärenjagd geschickt.

 

Nachdem ich am Sonntag schließlich bei einem guten Freund meinen Artikel verschickt hatte, machte ich mich am Montagmorgen sofort auf den Weg zum nächsten Elektromarkt. Wie immer schienen sämtliche Verkäufer zu ahnen, dass sie an mir nichts verdienen konnten, und entwischten wieselflink hinter die Regale. Es dauerte eine halbe Stunde, bis ich im Gang mit den Staubsaugern einen Mitarbeiter stellte, sehr jung, vermutlich ein Azubi, der die unauffällige Flucht vorm Kunden noch nicht ausreichend beherrschte.

 

„Entschuldigung, ich hab‘ da ein Problem mit meinem Computer“, sprach ich ihn an und stellte fest, wie er sich Hilfe suchend nach seinen Kollegen umsah. „Wie alt?“ Zumindest nicht so alt, dass du mich wie einen senilen Greis behandeln musst, wollte ich sagen als mir klar wurde, dass er den Rechner meinte. „Zweieinhalb Jahre“, antwortete ich also. Der Junge überlegte kurz, dann sagte er: „Da ist die Garantie abgelaufen, da könnte ich Ihnen mal ein Gerät zeigen, das wir gerade im Angebot haben.“ Einige Grundlagen des kundenunfreundlichen Verkaufens beherrschte er offenbar doch schon.

 

„Ich möchte keinen neuen Computer, ich möchte den mit meinen Daten darauf wieder zum Laufen bringen“, erklärte ich betont ruhig. „Das ist kein Problem“, entgegnete der Junge mit einem leicht feindseligen Zucken um die Mundwinkel, „Wenn Sie das Gerät originalverpackt mit Garantiezertifikat und Kassenbon an den Hersteller schicken, sehen die es sich mal an. Könnte bei der momentanen Auftragslage allerdings drei bis sechs Monate dauern.“ Ich verließ den Laden ohne ein weiteres Wort und ohne mich noch einmal umzudrehen.

 

„Wo warst du denn?“, fragte er mich als ich nach Hause kam und ihn in der Küche vorfand, wo er sich gerade in einem großen Glas irgendetwas zusammenrührte. „In der Servicewüste Deutschland“, antwortete ich zynisch, „Und was wird das, wenn es fertig ist?“ „Eiskaffee. Gegen die Wüstenhitze.“ Ach, darum war der Fußboden voller Kaffeepulver und Eiswürfel. Während er die Eiswürfel in einem Geschirrtuch gegen die Heizung donnerte, um Crushed Ice zu machen, suchte ich die Kiste mit den seit vielen Jahren gesammelten Visitenkarten und kramte darin herum.

 

PC-Nerd nannte er sich und ich dachte kurz an die Nerds, die ich aus dem Studium kannte. Informatikstudenten mit dicken Brillen, langen Haaren und exakt einem T-Shirt für den Sommer und einem zweiten für den Winter, die sich untereinander stundenlang in einer mir unverständlichen Fachsprache unterhalten konnten, aber einen roten Kopf bekamen und stotterten, wenn jemand anders, vielleicht noch jemand Weibliches, sie ansprach.

 

Trotzdem gab ich dem PC-Nerd eine Chance, rief ihn an und war überrascht, dass er schon eine halbe Stunde später vor meiner Tür stand, um sich das Problem mal anzusehen.

 

Mit den Informatikstudenten-Nerds hatte er nur gemeinsam, dass er sich offenbar den ganzen Tag mit Computern beschäftigte. Jedenfalls genügte ein Blick auf den eingefrorenen Monitor und er analysierte: „Liegt wahrscheinlich am Lüfter.“ Sekundenbruchteile später hatte er das Gehäuse aufgeschraubt und wirkte nun doch einigermaßen überrascht. Da, wo der Lüfter hätte sein sollen, war nichts.

 

Eine vage Ahnung ließ mich der Spur aus mittlerweile geschmolzenem Eis und Kaffeepulver folgen, ich fand ihn auf dem Bett sitzend, in der Tatze seinen Eiskaffee, vor sich den Ventilator aus meinem Computer. „Wenn du mit deinen Artikeln fertig bist, solltest du dich dazu setzen. So‘n Computer schwitzt ja nicht und so lässt sich die Hitze echt aushalten“, sagte er und sah mit Unschuldsmiene zu mir hoch. Und mein versteinertes Gesicht ignorierend fügte er nach einem Zug aus seinem Strohhalm hinzu: „Allerdings solltest du vorher noch beim Supermarkt vorbeigehen und vernünftigen Eiskaffee besorgen."

 

Mein Computer läuft seitdem ohne weitere Vorfälle. Doch jetzt, wo es kälter wird, vergeht kein Tag, an dem ich nicht mehrmals den Herd kontrolliere, ob er den vielleicht nutzt, um sich oder irgendetwas anderes aufzuwärmen. Und wenn ich nach Hause komme, erwische ich mich dabei, wie ich nachsehe, ob noch alle Heizkörper an Ort und Stelle sind.

 

Wünscht sich vielleicht noch irgendjemand einen liebenswerten, wohlerzogenen Teddy zu Weihnachten?




01/08 2015:
Neues vom bösen Bärchen


Wer hat Angst vorm Flohmarkt?

von Christian Dolle

 

„Musst du unbedingt jetzt Wäschewaschen?“, fragte er genervt und drehte den Ton vom Fernseher lauter. „Immerhin warst du es, der die Cola über meine sauberen Klamotten gekippt hat“, gab ich im gleichen Ton zurück und verschwand im Badezimmer, bevor ich mir einen weiteren Spruch von ihm anhören musste. Ich genoss den Triumph, dass er mal nicht das letzte Wort hatte.

 

Eine Sekunde später stand ich wieder vor ihm. „Wo ist denn die Wäschetonne?“ Ohne ein Wort deutete er in Richtung Küche. Tatsächlich wurde ich dort fündig. „Was soll das nun wieder?“, fragte ich, inzwischen ebenfalls leicht angefressen. Dafür schien er jetzt wieder völlig entspannt. „Weil ich sonst nicht an die Flasche herankomme“, antwortete er. Betont ruhig und freundlich wies ich ihn darauf hin, dass ich die Cola auf sein ständiges Meckern hin ganz unten in den Kühlschrank gestellt hatte. „Die Cola schon. Aber der Rum liegt im obersten Fach und darum bist du auch selber Schuld, dass deine Klamotten jetzt fleckig sind.“

 

Er trank also Cola mit Rum. Na super. Und natürlich den teuren, den ich für besondere Anlässe aufgehoben hatte. Aber ich nahm mir fest vor, mich heute nicht von ihm ärgern zu lassen. Der Tag hatte so schön begonnen. Da ich am Wochenende gearbeitet hatte, gab es heute wenig zu tun und ich hatte mir erst einmal ein gemütliches Frühstück mit frischen Brötchen gegönnt. Dass er die Kaffeedose leer gemacht und einfach wieder in den Schrank gestellt hatte, nahm ich noch mit einem Schulterzucken hin. Als ich aber auch keine saubere Tasse mehr fand, da er sie alle benutzt neben der Spüle stehen ließ, spürte ich zum ersten Mal ein leises Grummeln in mir aufsteigen.

 

Schlimmer wurde es als ich schließlich unter der Dusche stand. Gerade hatte ich das neue Duschgel ausprobiert – das alte lasse sein Fell immer so stumpf aussehen, hatte er sich beschwert – da wurde das Wasser plötzlich eiskalt. „Ey, mach das Wasser aus!“, brüllte ich in Richtung Wohnzimmer. Leider streikt immer der Boiler, wenn man an zwei Stellen in der Wohnung das heiße Wasser aufdrehte.

 

Natürlich wusste er das und natürlich hatte er auch mitbekommen, dass ich duschen wollte. Da er auf mein Rufen nicht reagierte und der Strahl aus der Dusche eiskalt blieb, wickelte ich mich ins Handtuch und stampfte in die Küche. Er stand an der Spüle und ließ Wasser in die schmutzigen Tassen laufen. Sein ebenso unschuldiger wie fragender Blick musterte mich von oben bis unten. „Ästhetische Gründe kann die Evolution nicht gehabt haben als sie euch kein Fell hat wachsen lassen“, murmelte er und zog die Stirn kraus.

 

Viel zu deutlich spürte ich, wie meine gute Laune sich unwiederbringlich in Luft auflöste und stattdessen unangenehmer Gereiztheit Platz machte. Da ich die Antwort kannte, verzichtete ich darauf, ihn zu fragen, warum er unbedingt jetzt abwaschen wollte. Dabei machte er doch nie irgendetwas im Haushalt. Außer natürlich, er konnte mich damit irgendwie auf die Palme bringen. Dabei verwendete er so viel Spülmittel, dass der Schaumberg selbst dem Brocken alle Ehre machte und auch das Wasser sämtlicher Stauseen des Harzes schwamm mittlerweile auf meinem Küchenboden. Das aufgestapelte Geschirr erinnerte allerdings mehr an den schiefen Turm von Pisa.

 

Während ich noch überlegte, ihm zu verbieten, in Zukunft seine Tatzen von jeglicher Hausarbeit zu lassen und ob vielleicht gerade das der tiefere Sinn seiner ansonsten sinnlos erscheinenden Aktion war, plumpste er plötzlich kopfüber ins Spülbecken, fand keinen Halt im glitschigen Nass und japste dramatisch nach Luft. Ich vergaß den Spruch über die ästhetischen Gründe der Evolution und meinen sonstigen Ärger und zog ihn mit einem beherzten Griff aus dem Wasser. Nass und zitternd klammerte er sich an mir fest, plötzlich nicht mehr vorlaut und mit großer Klappe, sondern erschrocken und verängstigt. „Warum kannst du dich eigentlich nicht einmal benehmen wie normale Kuscheltiere auch?“, fragte ich ihn und stellte fast ein wenig enttäuscht fest, dass mein ganzer Ärger wieder verflogen war.

 

„Diesmal“, schluchzte er, „wollte ich echt nur  helfen.“ Ich sah mich in der Küche um und schüttelte den Kopf. „Indem du mich unter der Dusche abschreckst wie ein hartgekochtes Ei und dann die ganze Wohnung unter Wasser setzt?“ Er habe mir beweisen wollen, dass er sich auch nützlich machen konnte, protestierte er kleinlaut. Schließlich hätte ich doch gestern für den Eseltreiber diesen Artikel über Flohmärkte geschrieben und welch tolle Gelegenheit sie seien, sich von überflüssigen alten Sachen zu trennen.

 

„Und da hattest du Schiss, dass ich dich beim nächsten Mal an ein Kind mit zu viel Taschengeld und zu wenig Geschmack loswerde?“ Sein beleidigter Blick und vor allem das Ausbleiben einer spitzen Entgegnung zeigte mir, dass ich ziemlich genau ins Schwarze getroffen hatte. In einem Anflug von Mitleid nahm ich ihn fest in die Arme und flüsterte dann: „Glaub mir, es gibt kein Kind, dem ich das antun würde.“

 

Den Rest des Abends – jedenfalls den Teil vom Abend, der übrig blieb, nachdem ich die Küche aufgeräumt hatte – verbrachte ich dann gemütlich mit einem Glas Cuba Libre vor dem Fernseher.

 

Er verbrachte den Rest des Tages auf dem Wäscheständer, um nach dem unfreiwilligen Bad zu trocknen. Seinen Protest gegen die zwickenden Wäscheklammern überhörte ich, denn schließlich waren sie meine Versicherung, dass es keine weiteren unliebsamen Zwischenfälle geben würde.




15/04 2015:
Böses Bärchen oder:


Wer klaut die Socken aus der Waschmaschine?

 von Christian Dolle

 

Ich hatte ihn schon fast vergessen. Zusammen mit anderen Kindheitserinnerungen tief unten im Schrank vergraben. Doch beim Aufräumen tauchte er plötzlich wieder auf. Während ich mich aber in all den Jahren zu einem, wie ich hoffe, verantwortungsbewussten und rücksichtsvollen Erwachsenen entwickelt hatte, ging ihm jegliche Erziehung völlig ab.

 

Nicht nur, dass er nicht wenigstens ab und zu mal im Haushalt half, nein, er hatte nur Unsinn im Kopf, machte alles, was ihm gerade einfiel, ohne Rücksicht auf die Konsequenzen. Er probierte aus, wie laut sich die Stereoanlage aufdrehen ließ, aus welcher Höhe man die hässliche Glasschale von Oma fallen lassen konnte, bevor sie zerbrach, oder was passierte, wenn man ein Smartphone in die Mikrowelle steckt.

 

Auf die Gefühle anderer nahm er wenig Rücksicht. Wenn ich mal wieder zu einem Termin für den Eseltreiber zu spät dran war und panisch meinen Autoschlüssel suchte, zitierte er buddhistische Weisheiten wie: „Nimm dir jeden Tag die Zeit, still zu sitzen und auf die Dinge zu lauschen. Achte auf die Melodie des Lebens, welche in dir schwingt.“ Und wenn ich vor dem Spiegel wieder mal feststellte, dass sich unter dem T-Shirt vom letzten Sommer inzwischen eine stattliche Plauze abzeichnete, staubte er demonstrativ meine teuren Joggingtreter ab, die seit zwei Jahren im Flur standen. Dabei machte er sonst doch nie etwas sauber, ließ alles stehen und liegen und hielt es nicht mal für nötig, Essensreste zu entsorgen, bevor sie vertrocknet auf dem Teller festklebten. Und den Autoschlüssel hat auch er versteckt, bin ich mir sicher. Genauso wie er auch immer einzelne Socken aus der Waschmaschine klaute.

 

Auch wenn wir zusammen unterwegs waren, hielt er nicht viel von Konventionen. Er drängelte sich an der Supermarktkasse vor, giftete die alte Dame, die mühsam ihr Kleingeld abzählte an, sie solle sich beeilen, ihr bleibe ohnehin nicht mehr viel Zeit und als die trotz allem freundliche Kassiererin unsere Postleitzahl wissen wollte, antwortete er schnippisch: „Ist die NSA so tief gesunken, dass sie solche Methoden anwenden muss, um an Informationen zu kommen?“

 

Den Zirkusleuten, die neulich auf dem Kornmarkt Spenden für die Überwinterung ihrer Tiere sammelten, hielt er einen ebenso ausführlichen wie bildhaften Vortrag über die Dressur von Tanzbären, bevor er ihnen schließlich die Spendendose entriss und den Inhalt in den Plastikbecher eines Obdachlosen kippte. Ob allerdings wirklich sein Großvater dank glühender Kohlen zu einem gefeierten Star in Rumänien geworden war, sich dann aber wegen Depressionen in Bukarest von einer Brücke in die Donau gestürzt hatte, wagte ich zu bezweifeln.

 

Schon allein deshalb, weil die Donau meines Wissens gar nicht durch Bukarest fließt. „Willst du jetzt das Andenken an meine Familie in den Dreck ziehen?“, fragte er eingeschnappt und bestand auf dem Wahrheitsgehalt seiner Geschichte. Allerdings hatte das Zusammenleben mit ihm auch gute Seiten. Wenn beispielsweise der Typ von der Telefongesellschaft mir alle paar Monate einen neuen Tarif andrehen wollte, nahm er ab, fragte, ob wir denn dann auch unseren Wunschklingelton bekommen könnten, und wenn der Typ am anderen Ende nachhakte, welcher das sei, zückte er die Trillerpfeife.

 

Oder als die Zeugen Jehovas mal wieder unten vor der Haustür standen, brachte er sie mit seiner Frage, ob denn Teddybären in den Himmel kommen so aus dem Konzept, dass sie in unserer Straße seitdem nie wieder gesehen wurden.

 

Vor ein paar Tagen kam DorisFreundin. Früher haben wir mal viel zusammen unternommen, inzwischen kam sie eigentlich nur noch, wenn sie es zuhause nicht mehr aushielt, wenn sie mal wieder ihren Frust über ihre unglückliche Ehe, über den Stress im Job und darüber, dass all ihre Freunde sich  unerklärlicherweise von ihr abwenden, loswerden musste. So jemanden hat fast jeder in seinem Bekanntenkreis, oder nicht? 

 

Ich hörte ihr meist geduldig zu, suchte nach tröstenden Worten und servierte ihr einen ayurvedischen Tee nach dem anderen. Nach etwa drei Stunden stürmte er ins Zimmer, sprang mitten auf den Küchentisch und schrie Doris an, sie solle endlich die Fresse halten. „Guck dich doch mal an, wie du ständig mit Trauermine durch die Gegend rennst und deine Mitmenschen mit deinem Leid terrorisierst. Wenn ich dein Mann wäre, würde ich mir auch eine andere suchen, als Arbeitskollege würde ich dich auch mobben und wenn wir befreundet wären, könntest du dich glücklich schätzen, wenn ich dir bloß aus dem Weg gehen würde.“

 

Nicht einmal ihren Tee hatte Doris noch ausgetrunken, bevor sie heulend aus der Wohnung gerannt war und seitdem nicht mal eine SMS geschickt hatte. Gut, ging ja auch nicht mehr, seitdem das Smartphone Bekanntschaft mit der Mikrowelle gemacht hatte. Vermutlich hätte ich es nicht einmal mir selbst  gegenüber zugegeben, aber irgendwie war ich gar nicht so unglücklich darüber, dass Doris aus meinem Leben verschwunden war. Außerdem hörte ich später von Bekannten, sie habe sich von ihrem Mann getrennt, den Job geschmissen und lebe von Abfindung und Unterhalt jetzt irgendwo in Südamerika.




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