07/01 2016:
So fühlt sich Macht an




Der Roman „Krieg der Affen“ ist eine gelungene Parabel über totalitäre Herrschaftssysteme

von Christian Dolle

 

Indiens Großstädte leiden nicht nur unter der Überbevölkerung des Landes, sondern werden auch mehr und mehr von Affen bevölkert, die sich dem urbanen Leben angepasst haben. Vor allem die klugen Rhesusaffen werden häufig geradezu zur Plage, dürfen als heilige Tiere der Hindus natürlich nicht gejagt werden, so dass sich Affenjäger darauf spezialisiert haben, sie mit den größeren Languren zu vertreiben. Auch wenn das mittlerweile aus Tierschutzgründen verboten ist, nahm der britische Autor Richard Kurti die zur Vorlage für seinen Roman „Krieg der Affen“.

 

Im Kern der Geschichte geht es um den kleinen Langur Mico, dessen Stamm das Territorium einer Horde Rhesusaffen erobert und sich fortan als die neuen Herren von Kalkutta berufen sieht. Als der gerissene Tyrell die Macht im Stamm an sich reißt, gelingt es Mico, sein Vertrauen zu erlangen und in der Hierarchie immer weiter aufzusteigen. Allerdings erkennt er dabei auch immer deutlicher die Schattenseiten der Macht, die sich nur durch Gewalt, Intrigen und Skrupellosigkeit aufrecht erhalten lässt. Und außerdem ist da noch die Rhesusäffin Papina, die früher mit ihrer Familie hier lebte und die so ganz anders ist als die Propaganda Tyrells die Languren glauben machen will. Irgendwann steht Mico vor der schwierigen Entscheidung, ob er wider besseren Wissens die Gewaltherrschaft seines Stammes akzeptiert oder sich dagegen auflehnt.

 

Als Jugendbuch wird Kurtis Parabel über den Aufstieg und die Strukturen eines totalitären Regimes vermarktet und ist dementsprechend deutlich in ihren Bezügen. Gerade dadurch wird allerdings das Wesen politischer Macht sehr schlicht und eindrucksvoll dargestellt und aus Netz aus Lügen und Taktieren beschrieben. „So also fühlt sich Macht an, dachte Mico. Eine berauschende Mischung von Schmeicheleien und Bewunderung. Plötzlich fühlte er sich nicht mehr klein und verletzlich – er fühlte sich, als hätte er Macht“, heißt es an einer Stelle.

 

Allerdings ist „Krieg der Affen“ kein moralischer Aufruf zu Frieden und Freiheit, sondern vor allem  durchweg temporeich und spannend. Es ist Kurtis erster Roman, doch machte der sich zuvor als Regisseur und Drehbuchautor für die BBC, Universal, Warner Bros. und andere einen Namen. Das merkt man deutlich am geradezu filmischen Erzählen und sehr bildlichen Flucht- oder Kampfszenen aus dieser eng an die Realität angelehnten Affenwelt Kalkttas.

 

Vor allem gelingt aber auch der Spagat zwischen menschlicher Denkweise und affentypischem Verhalten, so dass auf der reinen Erzählebene alles plausibel bleibt, während auf der Metaebene immer wieder Parallelen zu realen Diktaturen gezogen werden können. Vielleicht ist das auch auch deshalb so gut für Jugendliche geeignet, weil es Politik, Macht und Herrschaft ohne erhobenen moralischen Zeigefinger beleuchtet und bloßstellt. Doch auch für erwachsene Leser bietet das Buch einen gut recherchierten Blick in die Welt der indischen Stadtaffen und eine niemals langweilige Geschichte um die Frage, ab wann Ideale es wert sind, dafür zu kämpfen und persönlichen Luxus für sie aufzugeben.

 

„Krieg der Affen“ von Richard Kurti ist bei dtv erschienen, umfasst 475 Seiten und ist für 14.95 Euro im Buchhandel erhältlich.