24/03 2016:
Deutliche Worte zur Flüchtlingskrise



Hamed Abdel-Samad und Hans Rath zur Lage der Nation

 

(cd) Das Fernsehen, die Zeitungen, das Internet, in allen Medien wird immer wieder über die Flüchtlingskrise debattiert. Leider bringt uns all das de facto nicht weiter. Meist sind es – aus welcher Ecke auch immer sie kommen – einseitige, festgefügte Meinungen, deren Argumente in einer schier unerträglichen Endlosschleife wiederholt werden. Eine der wohltuenden Ausnahmen ist das Buch von Hamed Abdel-Samad und Hans Rath.

 

„Ein Araber und ein Deutscher müssen reden“, heißt es, und genau das tun beide in Form von E-Mails, die eigentlich bloß die Vorarbeit zu einem gemeinsamen Buchprojekt darstellen sollten. Zum großen Glück für die Leser schreiben beide darin so unverbraucht, so differenziert, so politisch unkorrekt, dass dieses kleine, gerade einmal 120 Seiten dicke Büchlein tatsächlich mehr Denkanstöße und auch Reibungspunkte bietet als viele Polittalkshows, Essays und Leitartikel zusammen.

 

Der aus Ägypten stammende Politik- und Islamwissenschaftler Hamed Abdel-Samad bewies schon bei mehreren Veranstaltungen im Südharz, wo er sich seinerzeit zu Chancen und Gefahren des Arabischen Frühlings äußerte, was für ein brillanter Analyst und streitbarer Kritiker er ist. Hans Rath ist eigentlich Unterhaltungsautor, erweist sich hier aber als hervorragender Gegenpart und geschliffen argumentierender Diskussionspartner.

 

Er karikiert die überwiegend männlichen Pegida-Anhänger als Maulhelden, die zuhause nichts zu melden haben und zeichnet ein Bild der Deutschen, die sich viel zu sehr von Ängsten treiben lassen oder eben von denen, die diese Ängste schüren. Vor allem aber lockt er seinen „aufbrausenden arabischen Freund“ aus der Reserve und stellt ihm die richtigen Fragen, um dem Kern der Flüchtlingsthematik und auch dem Weg, wie Muslimen die Integration in Deutschland gelingen kann, auf die Spur zu kommen.

 

„Der Arabische Frühling, der Terrorismus, die Flüchtlingswelle haben für mich die gleichen Ursachen und Beschleuniger“, schreibt Abdel-Samad, „Es ist das Erwachsenwerden einer Generation, die in der Schule Frömmigkeit lernt und in den Medien und im Internet allen Verführungen des westlichen Lebens ausgesetzt ist. Sie wollen leben, aber sie dürfen nicht. Sie haben gelernt, Europa zu verachten, aber sehen den alten Kontinent nun doch als Mekka ihrer Träume.“ Der einzige Ausweg aus dieser unweigerlich zu Spannungen führenden Situation ist für ihn ein Wandel vom politischen zum privaten Islam, also eine strikte Trennung von Staat und Kirche.

 

Seine Thesen sind teils äußerst provokant formuliert, teils schwer verdaulich. Wenig verwunderlich für einen Mann, dessen distanzierte Auseinandersetzung mit dem Islam ihm Morddrohungen einbrachten. Doch gerade hier zeigt sich die besondere Stärke beider Autoren. Auch wenn sie selbst ihre Korrespondenz als Schlagabtausch bezeichnen, so ist sie immer von gegenseitigem Zuhören und Eingehen auf die Aussagen des anderen und vor allem der nötigen Prise Humor und Selbstironie geprägt. Somit zeigen sie ganz nebenbei, wie gleichermaßen ernsthaft, schonungslos offen und doch besonnen und respektvoll Diskussionen in Staat und Kirche geführt werden sollten.