06/07 2016:
Tatort Harz




Roland Lange vorm ehemaligen Sanatorium Albrechtshaus

Düstere Stimmung und Tempo zeichnen Roland Langes neuen Krimi „Stöberhai“ aus   

 von Christian Dolle

 

Ein Mord an einem russischen Gastronom, deutsch-deutsche Spionage in den letzten Tagen der DDR, ein leerstehendes Sanatorium und dunkle Geheimnisse in der Vergangenheit eines Bundestagsabgeordneten. Das sind nicht die Eindrücke aus einem aktuellen „Tatort“, sondern die Zutaten in „Stöberhai“, dem neusten Krimi von Roland Lange. Tatsächlich aber hätte das Buch alles, um sich als Harzer Ableger in die Fernsehreihe einzufügen.

 

Alles beginnt mit der Beobachtung eines Waffendeals in der Wendezeit, bei dem plötzlich Schüsse fallen, die die meisten Beteiligten nicht überleben. Was damals genau passierte, wurde, wie so vieles seinerzeit, niemals aufgeklärt. Doch diese Geschichte wirft ihre Schatten bis in die Gegenwart, auch wenn sie für die Polizei zunächst nichts mit einem rätselhaften Mord in Bad Sachsa zu tun zu haben scheint. Verbindungen zieht erst Kommissar Ingo Behrends, doch der befindet sich in Bad Lauterberg in der Reha und kann nicht viel tun. So wird er erst einmal zum Beobachter einer Verfolgungsjagd, die sich durch den gesamten Harz zieht und schließlich nicht nur Verbindungen in die Vergangenheit, sondern auch in höchste politische Kreise offenbart.

 

Noch nie wiesen Langes Krimis so viele Thrillerelemente auf, noch nie waren seine Bücher derart düster. In seinem mittlerweile sechsten Fall für Ingo Behrends macht er vieles richtig, angefangen vom gut konstruierten Fall, der ebenso glaubwürdig wie spannend ist bis hin zu den häufig wechselnden Handlungsorten, die den Leser mit auf eine rasante Reise durch den Harz und in dessen jüngere Geschichte nehmen.

 

Die ehemalige Lungenheilstätte Albrechtshaus im Selketal spielt ebenso eine zentrale Rolle wie der Romkerhaller Wasserfall und verortet die Geschichte damit eindeutig im Harz. Doch auch der Fall um an der Grenze Beschäftigte, die sich in jener unsicheren Zeit mit allen Mitteln abzusichern versuchen, hat einen klaren regionalen Charakter. Und nicht zuletzt gelingt es Lange, seinem Krimi eine Stimmung zwischen sonniger Idylle und dunklen Schatten zugrunde zu legen, die es ebenfalls nicht überall gibt.

 

Provinziell ist der Krimi damit allerdings noch lange nicht, was sich an einer jungen russischstämmigen Bikerin und ihren offenbar professionellen Verfolgern sowie an brisanten Beweisen und lebensgefährlichen journalistischen Recherchen zeigt. All das hat tatsächlich das Zeug zum Sonntagskrimi und wird vom Autor gekonnt stückweise aufgelöst, so dass zwischendurch immer neue Fragen aufkommen und das Buch zum Pageturner wird.

 

Besonders bemerkenswert ist sicher Langes Kunstgriff, seinen Ermittler in die Klinik zu verbannen, so dass ihm einerseits die Hände gebunden sind, und ihm andererseits eine junge, gutaussehende Vertretung vor die Nase zu setzen, die auch noch sein Ego verletzt und ihm damit zusätzliche Qualen bereitet. Das gibt dem Krimi auch für Fans eine neue Facette und dem ohnehin komplexen Fall einen zusätzlichen Reiz.