Die Insel der Abgehängten


In „Der kleine Trommler“ zeichnet Dai Sijie ein düsteres Bild des modernen China

von Christian Dolle

 

China hat in den letzten Jahren einen  bemerkenswerten wirtschaftlichen Aufschwung hingelegt. Doch es gibt viele Menschen, die mit dem rasanten Fortschritt nicht mithalten konnten und unwiederbringlich abgehängt wurden. Einige von ihnen leben auf der Insel der Edlen, von der der in Frankreich lebende chinesische Schriftsteller Dai Sijie in „Der kleine Trommler“ erzählt.

 

Da ist zum einen der kleine namenlose Junge, den ein Fremder seiner Großmutter abkaufen möchte. „Kannst du trommeln?“, will der Mann wissen und der Junge hofft, dass dies für ihn der Weg zu einem der berühmten Zirkusse des Landes ist. So fügt er sich in sein Schicksal, doch was der Fremde vorhat, übersteigt jede Vorstellungskraft und endet tragisch.

 

Ebenso düster ist die Geschichte der Tochter des Stauseewärters, deren Mutter sich seltsam benimmt, immer mehr vergisst und eines Abends von der Arbeit nicht mehr nach Hause zurückkehrt. Als die Tochter einen Schuh im Stausee entdeckt, beschleicht sie ein grausamer Verdacht.

 

Und dann ist da noch der Sohn einer Schmiedin, der seiner Mutter bei der Herstellung einer schweren Eisenkette hilft. Mit dieser fesseln sie den älteren Bruder an einen Baum, weil der sich nämlich durch die Arbeit mit Elektroschrott vergiftet hat und nicht mehr Herr seiner Sinne ist. Der jüngere Sohn verlässt die Insel schließlich, um zu studieren, doch als er später zurückkehrt, empfängt ihn eine grausame Realität.

 

Mit seinem Roman „Balzac und die kleine chinesische Schneiderin“ erschrieb sich der aus seinem Heimatland emigrierte Dai Sijie einen Platz in der Weltliteratur. „Der kleine Trommler“ wird diesem Ruf durchaus gerecht, glänzt das Buch doch durch eine poetische Sprache und einige unvergessliche Bilder.

 

Doch die drei chinesischen Geschichten, so der Untertitel, sind noch viel mehr. Sie sind eine schonungslose Bestandsaufnahme und in gewisser Weise auch eine Abrechnung mit der Kapitalisierung Chinas, bei der die einfache Bevölkerung viel zu häufig auf der Strecke bleibt. Sijie schreibt in Frankreich, so dass er kein Blatt vor den Mund nehmen braucht und ihm keine Verfolgung droht. In China gibt es allerdings ein Publikationsverbot für seine Werke. Dabei gleitet er jedoch nie in plumpes Anprangern von Missständen ab, sondern erzählt seine Geschichten elegant und unterhaltsam, so dass der wahre Schrecken sich erst im Nachhall bemerkbar macht.

 

Letztlich geht es in den Geschichten auch nicht nur um China, sondern um ein globales Problem.  Seine Insel der Edlen ist ein apokalyptisch anmutender Entwurf für eine zukünftige, wenn nicht gar gegenwärtige Welt, in der es immer mehr Menschen gibt, die bei großartigen Entwicklungen nicht mehr mitmischen, sondern den Schrott der Großen nur noch aufräumen und weiterverarbeiten können. Dass sie daran erkranken und auf die schiefe Bahn geraten, ist nicht nur metaphorisch die logische Folge.