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Nebra von Thomas Thiemeyer

 

Nebra, Thriller

Knaur Verlag, Februar 2009

506 Seiten, gebunden, mit Schutzumschlag

ISBN 978-3426662908

19,95 €


Auf dem Brocken ist der Teufel los!

Die Himmelsscheibe von Nebra – dieses archäologische Kleinod, 1999 von Raubgräbern auf dem Mittelberg in der Nähe von Nebra gefunden und 2002 im Zusammenhang mit einer Polizeiaktion in Basel/Schweiz in die Hände des Landesarchäologen von Sachsen-Anhalt gelangt, liefert dank einiger ungelüfteter Geheimnisse ausreichend Stoff für ein gutes, spannendes Buch.

Kein Wunder, dass sich auch Thomas Thiemeyer, bekannt für seine wissenschaftlich fundierten Mystery-Thriller der Himmelsscheibe angenommen hat. Basierend auf den aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen lässt er seine Protagonistin, die aus „Medusa“ bekannte Archäologin Hannah Peters in seinem neuen Buch „Nebra“ die Bedeutung der Symbole auf der Himmelsscheibe erforschen. Im Auftrag des Landesmuseums Sachsen-Anhalt soll sie nach Antworten suchen.

Dabei entdeckt Hannah dank eines anonymen Hinweises und der Mithilfe ihres ehemaligen Lebenspartners, dem Astroarchäologen John, dass die Sternensymbole auf der Scheibe einen Bezug zu den Harzbergen haben könnten, mit dem Brocken als zentralem Ausgangspunkt. Diese überraschende Erkenntnis führt Hannah direkt in den Harz und mitten hinein in grausige Ereignisse. Es beginnt mit scheinbar harmlosen Himmelserscheinungen über dem Brocken. Im Laufe der Handlung ereignen sich weitere unerklärliche Vorfälle, die sich mehr und mehr zu einem Schreckensszenario verdichten und neben anderen auch einen pensionierten Polizisten auf den Plan rufen. Es ist Walpurgis und tief im inneren der Harzberge erwacht eine archaische Macht, die mit Hilfe eines uralten Zirkels und eines letzten, noch fehlenden Puzzleteils aus ihrem Gefängnis befreit werden will, ehe eine nicht endende Walpurgisnacht beginnt …

Thiemeyer bleibt sich und seinem Stil auch in diesem, nach Medusa, Reptilia und Magma vierten „a“-Thriller treu und verknüpft recherchierte wissenschaftliche Fakten geschickt mit beklemmenden Fiktionen. Wie zuletzt in „Magma“, weist schon das erste Kapitel überdeutlich den Weg, ohne zu viel davon zu verraten, wo die Reise tatsächlich endet. Allerdings stellt das „teuflische“ Treiben gleich zu Beginn des Buches den rational denkenden Leser auf eine harte Probe und erzeugt einen emotionalen Bruch zur nachfolgenden, zwanzig Jahre später einsetzenden Handlung. Es dauert fast hundert nicht übermäßig spannungsgeladene Seiten, ehe sich die Ereignisse miteinander verknüpfen und den Puls langsam in die Höhe treiben.

Bis dahin werden verschiedene Personen in die Handlung eingeführt und der Leser muss einiges lernen. Das ist verständlich und für all jene notwendig, die weder ausreichend über die Himmelsscheibe informiert sind, noch sich im und mit dem Harz und seinen Gebräuchen auskennen. Thiemeyer füllt dieses Wissensloch mit manchmal etwas hölzernen Dialogen. Dem aufmerksamen Leser wird darüber hinaus nicht entgehen, dass dem Autor über das gesamte Buch verstreut ein paar Flüchtigkeitsfehler unterlaufen, wenn er zum Beispiel den Fundort der Himmelsscheibe (trotz bisher ungeklärter Deutung) einerseits als Depot und dann wieder als Grabmal bezeichnet, oder etwa ein dichtes Blätterdach ins Spiel bringt – hallo, wir befinden uns nicht im tropischen Regenwald, sondern im Harz zu Frühlingsbeginn! Da mag das Laub auf den Bäumen sprießen, aber ob das schon ein dichtes Dach hergibt, ist zu bezweifeln.

Auch scheint der Autor während seiner Recherchen vor Ort nicht gerade die angenehmen Seiten des Harzes kennen gelernt zu haben. So ist ihm die Harzer Schlachteplatte in Kombination mit Schwarzbier offensichtlich auf den Magen geschlagen. Nicht einmal „Schierker Feuerstein“ empfiehlt er zum Ausgleich als wohltuende „Medizin“, sondern bezeichnet den Kräuterlikör als Getränk für besonders Hartgesottene. Darüber hinaus erweckt er bei der Beschreibung des Mittelgebirges, gesehen durch die Augen von Hannah, anfangs den Eindruck, als sei die Region in der Märchen- und Sagenwelt stecken geblieben und habe sich bis heute nicht von ihrem dumpfen, hinterwäldlerischen Dasein befreit.

Immerhin lernt Hannah auf ihrer Harzreise einen Mann kennen, der sie nicht nur erotisch in seinen Bann zieht, sondern der ihr obendrein als ausgewiesener Kenner den wirklichen Harz mit all seiner Schönheit und seinen Geheimnissen näher bringt. So kann sie ihr Vorurteil etwas revidieren und sieht sich damit in einer glücklicheren Lage als einst Heinrich Heine. Klar, dass dieser weltgewandte, gut aussehende Mann ein Geheimnis hat und seine Rolle in der Story weit über die eines Harzkenners mit Liebhaberqualitäten hinausgeht.

Thiemeyer versäumt es auch in „Nebra“ nicht, Fragen philosophischer und moralischer Natur anzuschneiden. Er regt dazu an, sich sowohl für unsichtbare Dimensionen zu öffnen, als auch in die Abgründe vergangener und aktueller Religionen und deren fanatischer Verfechter zu blicken. Der Leser wird mit der Frage konfrontiert, ob Leben, Raum und Zeit nicht mehr sind als das, was er vordergründig wahrnimmt und ob über das Begreifbare hinaus nicht eine okkulte Welt existieren könnte, für die es keine wissenschaftlichen Beweise gibt. Und den Schlüssel zu dieser Welt liefert er gleich mit: die Himmelsscheibe von Nebra.

Auch wenn Thiemeyer mit seinen Andeutungen an der Oberfläche bleibt, verwischt er durch seine Gedankenanstöße geschickt die Grenzen zwischen Wissenschaft, Mysterium und Legende und überlässt es dem zweifelnden Leser, sich tieferschürfende Gedanken zu machen und seine Weltanschauung möglicherweise neu zu justieren.

Fazit:

Brocken, Hexen, Teufel, Walpurgis – welche Zutaten könnten besser zu einem spannenden Mystery-Thriller passen, als diese typischen Merkmale jenes deutschen Mittelgebirges, das seine Bekanntheit in den Augen vieler Außenstehender immer noch aus seinem sagenumwobenen Image zieht? Was für ein Glück, dass Nebra gerade mal einen Katzensprung vom Brocken entfernt liegt und mit der Himmelsscheibe auch die wissenschaftliche Beigabe zu dem Thriller gegeben ist. Zusätzliches Glück, wenn mit eben dieser Himmelsscheibe gleichzeitig genügend offene Fragen verbunden sind, die Deutungen in viele, insbesondere in mystische, Richtungen zulassen. Thomas Thiemeyer hat sich diese Umstände zunutze gemacht und einen zum Ende hin äußerst blutigen und dämonischen Thriller geschrieben. Damit ist ihm trotz einiger kleiner Schwächen ein insgesamt fesselndes Stück Unterhaltung gelungen.

 

Roland Lange, 23.02.2009