Rauhnacht von Volker Klüpfel und Michael Kobr

 

Rauhnacht, Krimi

Piper Verlag, September 2009

368 Seiten, gebunden, mit Schutzumschlag

ISBN 978-3492052047

17,95 €


Kluftinger macht’s (fast) allein

 

Nicht enden wollende Schneefälle, ein exklusives Berghotel im Allgäu, eine Schar handverlesener Hotelgäste, zu denen auch Kommissar Kluftinger nebst Ehefrau Erika gehören, – das sind die Zutaten für den fünften Kriminalroman des Autorenduos Volker Klüpfel und Michael Kobr.

 

Die Hotelinhaberin hat über Silvester zu einem Wochenende mit Kriminalspiel in der Tradition von Agatha Christie geladen. Alles deutet auf ein perfekt organisiertes, erholsames und genussreiches Wochenende hin, das sogar dem bodenständigen Kluftinger gefallen könnte, wäre da nicht Dr. Langhammer, der nebst Gattin ebenfalls mit von der Partie ist.

Wer die vier Vorgänger-Romane von Kobr/Klüpfel kennt, weiß, dass es um die freundschaftlichen Beziehungen Kluftingers zu Dr. Langhammer nicht zum Besten bestellt ist. Kein Wunder, dass Kluftinger dem Wochenende daher eher unmutig und sorgenvoll entgegensieht und schon im Vorfeld gedankliche Abwehrstrategien gegen die zu erwartenden Annäherungsversuche des Altusrieder Landarztes entwirft.

 

Schon kurz nach der Ankunft im Hotel nimmt das Krimiwochenende eine dramatische Wendung und aus dem geplanten Spiel wird bitterer Ernst, als einer der Hotelgäste tot in seinem Zimmer aufgefunden wird. Kein Zweifel, er ist ermordet worden und der Mörder muss sich unter den Hotelgästen und dem anwesenden Personal befinden. Das Hotel ist völlig eingeschneit und von der Außenwelt abgeschnitten. Niemand hätte das Hotel zwischenzeitlich erreichen oder verlassen können.

So kann Kluftinger auch nicht darauf bauen, den Fall zusammen mit den bewährten Kollegen aus seinem eingespielten Ermittlerteam klären zu können. Mit Hilfe von außerhalb ist bei den Witterungsverhältnissen nicht zu rechen und Kluftinger, der einzige „echte“ Polizist vor Ort, ist auf sich allein gestellt. Lediglich der übereifrige, übersteigert selbstbewusste und stets besserwisserische Dr. Langhammer lässt es sich nicht nehmen, seinem Freund, dem Kommissar, als Partner bei den Ermittlungen zur Seite zu stehen. Ein Horrorszenario für Kluftinger, der alle Mühe hat, den Doktor von allzu gewagten Aktionen abzuhalten und den einen oder anderen Langhammer‘schen  „Ermittlungsschnitzer“ auszubügeln. Doch nach und nach fügen „Hercule Poirot“ Kluftinger und der selbst ernannte „Dr. Watson“ Langhammer, manchmal unfreiwillig, Puzzlestück für Puzzlestück zu einer nicht ganz überraschenden Lösung des Falles zusammen.

 

Wie immer, ist auch dieser fünfte Kriminalfall des Duos Kobr/Klüpfel geprägt von Situationskomik und Lokalkolorit, resultierend aus dem erfrischend normalen Verhalten  ihres Protagonisten Kluftinger, der immer wieder mit den Tücken sogenannter moderner Lebensstile und aktueller technischer Errungenschaften zu kämpfen hat. Darüber hinaus drängt Kluftingers nicht gerade kongenialer Partner/Gegenspieler Dr. Langhammer teils aus eigener Initiative, teils situationsbedingt ins Rampenlicht. Mit seinem Ermittlerköfferchen aus dem Spielzeugladen und „messerscharfer“ Kombinationsgabe macht er sich, zumindest in Kluftingers Augen, zum Vollidioten, dem man, wo immer sich die Gelegenheit bietet, einen Denkzettel verpassen muss.

 

Puristische Krimifans werden möglicherweise etwas verstört reagieren ob dieser teilweise stark überzeichneten Hommage an Agatha Christie. Auch möglich, dass sich bei all den Klischees und einem oftmals übertrieben hinterwäldlerisch daherkommenden Kommissar Kluftinger der eine oder andere Allgäuer auf den Schlips getreten fühlt.

Unterm Strich haben Kobr/Klüpfel aber wieder einen Roman geschrieben, der über einem wunderbaren Spannungsbogen den klassischen britischen Rätselkrimi in ganz neuem, regional geprägtem Licht mit Kässpatzen und Haferlschuhen erscheinen lässt. Die gewollt kräftige Prise Humor und die teilweise stark überzeichneten Slapstick-Szenen tragen dazu bei, dass man den Krimi nicht allzu ernst nimmt und ihn stattdessen mit einem Dauerschmunzeln genießen kann. Langeweile wird beim Lesen jedenfalls nicht aufkommen.

 

Klufti-Fans sei „Rauhnacht“ ebenso ans Herz gelegt, wie Neueinsteigern. Das Buch ist der ideale Lesestoff für die kommende dunkle Jahreszeit – und das nicht nur, weil die Geschichte zur Jahreswende im tief verschneiten Allgäu spielt. Klufti-Neueinsteiger werden nach der Lektüre kaum umhin können, sich auch die Vorgänger-Romane „Milchgeld“, „Erntedank“, „Seegrund“ und „Laienspiel“  vorzunehmen.

 

Roland Lange, 19.10.2009