Moornächte von Helga Beyersdörfer

 

Moornächte, Ein Worpswede-Krimi

Verlag Droemer/Knaur, Oktober 2009

302 Seiten, broschiert

ISBN 978-3426502631

7,95 €


 

Gelbe Rosen, Paula und der 20. November

 

John Magnus ist aus England zurückgekehrt. Er will die Auflösung seiner Hamburger Arztpraxis zum Abschluss zu bringen. Doch zuvor fährt er nach Worpswede, um auf dem Friedhof das Grab seines kürzlich verstorbenen Freundes zu besuchen.

Auf dem Grab entdeckt John ein Bündel gelber Rosen, die Blumen, gegen die sein Freund allergisch war und die er so gehasst hat. Doch nicht nur die Existenz der Rosen auf dem Grab des Freundes, auch ein in Folie eingeschlagenes Foto mit einer merkwürdigen, Angst machenden Nachricht lassen John stutzen.

 

Das ist der Anfang einer Folge weiterer Nachrichten, die John ganz gezielt zugespielt werden und ihn gegen seinen Willen nach und nach in ein perfides Spiel um Rache und Vergeltung hineinziehen. Erst widerwillig, macht sich John, zusammen mit seinem neu gewonnenen Freund Henri auf die Suche nach dem Urheber der Nachrichten und begibt sich, ohne es zu ahnen, in höchste Gefahr.

 

„Nur“ eine spannende Geschichte, die in Worpswede spielt, oder doch ein Krimi? „Moornächte“ von Helga Beyersdörfer weicht, zumindest, was den Handlungsschema angeht, ziemlich stark vom traditionellen Krimi-Muster ab. Keine Leiche, die einen Polizeieinsatz rechtfertigt, kein Kommissar, der ermittelt, keine Action-Szenen, keine gerichtsmedizinischen Untersuchungen, keine messerscharfen Kombinationen, die letztendlich einen Mörder überführen und den Leser aufatmen lassen in der Gewissheit: Ende gut – alles gut.

 

Helga Beyersdörfer kommt ohne all diese Zutaten aus und versteht es dennoch, in „Moornächte“ eine Spannung aufzubauen, die sich auf leisen Sohlen einschleicht und sich des Lesers bemächtigt. Das Buch lebt von Ahnungen, von Andeutungen, von zerstörten Träumen, von schrecklichen Erkenntnissen und offenbart letztendlich die Niedertracht, zu der eine verletzte und gequälte menschliche Seele fähig ist. Und am Ende ist – gar nicht alles gut. Es bleiben ein bitterer Nachgeschmack und offene Fragen.

 

Wenn ein Krimi in Worpswede spielt, kann man fast mit Sicherheit davon ausgehen, dass einige Klischees bedient werden, was in diesem Fall allerdings sehr dezent geschieht. Das beginnt mit dem Titel des Buches, der ganz stil- und zielsicher „Moornächte“ lautet. Es ist Oktober. Der obligatorische Herbstnebel wabert Unheil verkündend übers Teufelsmoor und ein Datum, der 20. November, ist allgegenwärtig. Worpswede ist natürlich nicht einfach ein niedersächsisches Dorf, sondern in erster Linie Künstlerkolonie. Klar, dass die Namen, die den Ruf des Dorfes begründet haben, an allen Ecken und Enden auftauchen.  Insbesondere Paula Modersohn-Becker, früh verstorbene Frau des berühmten Landschaftsmalers Modersohn und selber Malerin, verleiht dem Buch seine Existenzberechtigung. Ihre Bilder sind Ausgangspunkt für alle offenen Fragen und bei ihr laufen am Ende alle Fäden wieder zusammen.

 

Ganz unaufgeregt verwebt Helga Beyersdörfer ihre spannende Geschichte mit Informationen über die Moorlandschaft, das Dorf Worpswede, die Künstlerkolonie und deren Begründer. Dabei gelingt es ihr, mit Worten zu malen – beinahe so, als fühle sie sich der Tradition der Worpsweder Künstler verpflichtet. Es entstehen gleich zu Beginn Bilder und Stimmungen im Leser, die ihn durch das gesamte Buch tragen und so ganz nebenbei die Lust auf einen Besuch des Dorfes im Teufelsmoor wecken.

 

Wer (auch) im Krimi die eher leisen Töne liebt, wem ein Blick in die menschliche Seele mehr Spannung bereitet, als ein Messer in der Brust, dem sei Helga Beyersdörfers  „Moornächte“ als kurzweilige Lektüre wärmstens empfohlen.

 

Roland Lange, 2.11.2009