Die Gottessucherin von Peter Prange

 

Die Gottessucherin, Roman

Droemer Verlag, September 2009

768 Seiten, Hardcover mit SU

ISBN 978-3-426-19751-6

22,95 €


 

Eine Suche nach Gott, der Liebe und dem Leben …

 

Die Inquisition wütet im Europa zu Zeiten der Renaissance und weitet sich immer mehr aus.

Juden werden zur christlichen Taufe gezwungen und müssen als „Conversos“ wie Christen leben, wollen sie nicht auf dem Scheiterhaufen enden.

Vor diesem Hintergrund erzählt Peter Prange die Lebensgeschichte der Gracia Mendes, geborene Nasi, und auf den christlichen Namen Beatrice de Luna zwangsgetaufte Jüdin, eine der größten und bedeutendsten Frauen, die je in Europa gelebt haben, deren Namen aber heute kaum noch jemand kennt.

Es ist die Geschichte einer Frau, deren Glaube sie in alle bedeutenden Metropolen des Europas jener Zeit verschlägt, ausgehend von Lissabon über Antwerpen und Venedig bis hin nach Konstantinopel.

Peter Prange zeichnet in seinem Buch „Die Gottessucherin“ das Leben der Gracia Mendes in außergewöhnlich beeindruckenden Bildern nach. Er nimmt den Leser mit hinein in die damalige Zeit, lässt ihn den erbitterten Kampf des Dominikanermönches Cornelius Scheppering gegen das Judentum und insbesondere gegen Gracia Mendes nicht nur lesen, sondern erleben. Er schildert die tiefen inneren Konflikte einer Frau, die mit aller Kraft um ihr Seelenheil als gläubige Jüdin kämpft, dadurch aber sich und insbesondere die Menschen, die ihr nahestehen, in lebensgefährliche Bedrängnis bringt. Es ist auch der Kampf um das Wohlergehen ihres europaweit agierenden Handelsimperiums und die Mehrung und Verteidigung des damit verbundenen finanziellen Reichtums, den sie immer wieder dafür einsetzt, ihre jüdischen Glaubensbrüder und –schwestern vor der Inquisition zu retten.

Als Conversa, die nicht von ihrem Glauben lassen kann und will, führt Gracia Mendes ein leidenschaftliches Leben für den Gott  ihrer Väter. Mit der gleichen Leidenschaft kämpft sie aber auch um die Liebe und sieht sich im Spannungsfeld der widerstreitenden Interessen ständig gezwungen, das eine für das andere zu opfern.

Gerade dieses Spannungsfeld ist es, das den Leser fasziniert und das es ihm nahezu unmöglich macht, das Buch aus einer nüchternen Distanz heraus zu lesen. Es gelingt nur schwer, neutral zu bleiben. Schnell hat man Position bezogen, fiebert mit Gracia Mendes mit, um im nächsten Moment über ihr Handeln verständnislos den Kopf zu schütteln. Man leidet, wenn die Protagonistin sich ihr menschliches Versagens bewusst macht, das doch umso verständlicher ist, wenn man bedenkt, wie unvollkommen der Mensch ist in seinem Bestreben, das Vollkommene zu erreichen. Es bleibt nicht aus, dass sich in der Geschichte der Gracia Mendes auch ein Stück das eigene, widersprüchliche Leben widerspiegelt.

Eine beinahe ebenso schillernde Figur, wie Gracia Mendes selbst, zeichnet Peter Prange mit dem Dominikanermönch Cornelius Scheppering, einem Eiferer für den christlichen Glauben und Hasser alles Jüdischen. In dem Maße, wie Gracia Mendes Päpsten, Königen und Fürsten die Stirn bietet und mutig ihre Sache vertritt, schwingt sich Scheppering zu ihrem ähnlich einflussreichen Widersacher auf, treibt die Inquisition voran und sieht seine Lebensaufgabe darin, seine Todfeindin und Buhle des Satans, Gracia Mendes, zu vernichten.

Die Figur des Cornelius Scheppering spiegelt darüber hinaus das Siechtum eines Menschen wider und schildert den Kampf eines Besessenen, der seinen körperlichen Verfall als Prüfung Gottes versteht und als zusätzlichen Antrieb, seine Sache mit aller Macht zum Abschluss zu bringen – faszinierend und abstoßend zugleich.

Aber „Die Gottessucherin“ ist mehr, als die Geschichte einer starken, leidenschaftlichen Frau und ihres Widersachers. Peter Prange nimmt den Leser mit auf die Reise durch ein Europa im Spannungsfeld der drei großen Religionen – des Judentums, des Christentums und des Islam. Er wirft ein Schlaglicht auf Luthers Reformation und er bringt dem Leser die Gesetzesvielfalt des jüdischen Glaubens nahe. Gerade vor dem Hintergrund der ausschweifenden Lebensfreude Venedigs erscheint das Judentum in einem harten, beinahe unerträglichen Kontrast.

Mit dem Buch „Die Gottessucherin“ bekommt der Leser weder seichte Liebesroman-Unterhaltung, noch eine trockene Biografie geboten. Es ist ein Buch, das von der ersten Zeile an fesselt und die Spannung über knapp 800 Seiten bis zum Ende hält. Ein meisterhaftes Werk!

 

Roland Lange, 15.2.2010