Der Eseltreiber-Buchtipp



Stehen Sie auch manchmal in einer Buchhandlung vor den übervollen Regalen und wissen nicht, für welches Buch Sie sich entscheiden sollen?

Wir schaffen Abhilfe!

In unregelmäßigen Abständen stellen wir Ihnen auf dieser Seite Bücher vor, von denen wir meinen, dass sie lesenswert sind.






Nadel Faden Hackebeil von Tatjana Kruse

 

Nadel Faden Hackebeil, Krimi

Knaur TB, März 2011

336 Seiten, Taschenbuch

ISBN 978-3-426-50428-4

8,99 €


Pointen und Gags locker aus der Hüfte – jeder Schuss ein Treffer!

 

Fast 60 Jahre alt und dank einer Schussverletzung im (Un)Ruhestand – das ist Kriminalhauptkommissar Siegfried Seifferheld. In seiner Heimatstadt Schwäbisch-Hall wird der Landtagsabgeordnete Lambert von Bellingen ermordet, kurz darauf stolpert der Hauptkommissar a. D. über eine ortsansässige Souvenirladenbesitzerin, tot, mit zertrümmerten Gesicht. Wie sich herausstellt, war sie mit dem Politiker liiert. Klar, dass sich Seifferheld zusammen mit seinem „Gefahrhund“ Onis und gegen den Willen seiner Ex-Kollegen des Falles annimmt. Klar auch, dass er schnell einen Verdacht und ebenso schnell eine Spur hat, der er nachschnüffelt, den offiziellen Ermittlern immer um eine Nasenlänge heraus. Dabei gerät er letztlich selbst in den Fokus des Mörders …

 

„Nadel, Faden, Hackebeil“ ist ein Krimi – irgendwie, ein kleines bisschen. Aber schon der Titel des Buches lässt erahnen, dass es mit der Ernsthaftigkeit, die einem „konservativen Krimi“ innewohnt, nicht weit her ist. Tatsächlich gerät die Krimihandlung im Laufe des Buches völlig zur Nebensache und man darf nicht erwarten, dass die Logik der „Ermittlungen“ Seifferhelds an irgendeiner Stelle nachvollziehbar wird. Das ist allerdings egal und wahrscheinlich auch nicht gewollt, denn von der ersten Seite an rückt der turbulente Drei-Frauen-und-ein-Hund-Haushalt des Hauptkommissar a. D. in den Vordergrund. Das ist zuweilen spannender und aufregender, als jede Ermittlung, und wird von Tatjana Kruse in unnachahmlicher Weise mit skurrilen Gags, schrägen Episoden und umwerfenden Sprüchen gespickt. Das Leben im Hause Seifferheld sprüht Funken, genährt durch die partnersuchende Schwester, die ständig in Schwierigkeiten steckende Nichte des Ruheständlers, den neugierigen kleinen Bruder des Freundes der Nichte und nicht zuletzt durch „Gefahrhund“ Onis, den ein entsorgtes Stofftier in die Depression treibt.

 

Und dann ist da ja noch Seifferhelds VHS-Kochgruppe, in der sich die untalentiertesten Köche des Landes zusammengefunden haben. Auf Wunsch ihres Leiters sollen die Herren an einem öffentlichen Kochwettbewerb teilnehmen. Die Dramatik bei den Vorbereitungen zu diesem Wettbewerb schlägt jede Krimispannung um Längen! Diesem Stress hat Seifferheld nur eins entgegenzusetzen – seine Leidenschaft fürs Sticken. Hier findet er die Entspannung, die er zum Überleben braucht, wenngleich er seinem Hobby nur im Geheimen frönen kann. Seine Stickkunst ist nicht gerade gesellschaftstauglich und Seifferheld bewegt sich permanent auf einem schmalen Grat zwischen Anerkennung und Diskriminierung.

 

Tatjana Kruse ist es gelungen, eine rasante Story zu schreiben, eine Achterbahnfahrt durch den Kosmos des alltäglichen Wahnsinns. Wer sich auf das Buch einlässt, wird von einem Gag zum anderen gejagt, komm aus dem Lachen kaum heraus, höchstens, um verhalten zu grinsen. Wirklich ernst ist es an keiner Stelle.

 

Bleibt nur noch das zu sagen, was auch den Klappentext auf der Buchrückseite in dicken, roten Lettern einleitet: „Was macht eine Frau, wenn ihr Mann im Zickzackkurs durch den Garten läuft? Sie schießt weiter!“

 

Roland Lange, 15. Mai 2011


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