Der Tod wartet nicht von Stefanie Baumm

 

Der Tod wartet nicht, Kriminalroman

Knaur TB, Oktober 2009

352 Seiten, Taschenbuch

ISBN 978-3-426-63867-5

8,95 €


 

... denn das Böse liegt so nah!

 

Zwei Leichen in der Nähe von Kiel, innerhalb weniger Tage, das ist für die Schleswig-Holsteinische Ostseeküste eindeutig zu viel. Als kurz darauf in einem Krankenhaus auch noch ein Arzt angeblich an Herzversagen stirbt, stehen nicht nur die Kommissare der Kieler Kripo, Armin Stahl und Birger Harms, auf dem Plan, sondern auch eine Ärztin des Krankenhauses wird misstrauisch.

Während die Ärztin auf eigene Faust einem diffusen Verdacht nachgeht und sich damit ungewollt einer tödlichen Bedrohung aussetzt, haben die Kommissare schnell das ehemals vor dem Ruin stehende Gestüt Gut Lehnhof ins Visier genommen.

Der erste Tote, den die Ostsee an den holsteinischen Strand gespült hat, ist nämlich genau jener Russe, der auf dem Gestüt als Pferdewirt gearbeitet hat und es mit, wie es zunächst scheint, recht unkonventionellen Methoden vor dem Ruin retten konnte. Darüber hinaus hat der Tote offensichtlich eine sehr innige Verbindung zur Frau des jungen Gestütschefs gepflegt.

Im Laufe der Ermittlungen wird für die Ermittler nicht nur der Zusammenhang klar, der zwischen der misstrauischen Klinikärztin und Vivian Marquardt, der Frau des Gestütschefs, besteht. Sie erkennen auch, dass sie mit beiden Armen tief im Morast der russischen Mafia herumwühlen und dabei auf den Menschenschmuggel mit Kindern aus russischen Waisenhäusern gestoßen sind. Diese Kinder werden nach Deutschland verschleppt und in besagtem Krankenhaus Opfer eines gut organisierten Organhandels. Eine, wie es scheint, hoffnungslose Ausgangslage, die die Unterstützung des BKA erfordert. In Person von Leif Falkner gesellt sich ein BKA-Ermittler zu den beiden Kieler Kommissaren, der offensichtlich noch eine Rechnung mit dem „toten“ Russen zu begleichen hat.

 

Kinderschmuggel und Organhandel sind äußerst üble Geschichten und es ist sicher ein großes Wagnis, sich dieser Themen in einem Krimi anzunehmen. Denn man kann kaum davon ausgehen, dass der oder die Krimiautor(in), in unserem Fall Stefanie Baumm, über ausreichend Insiderwissen verfügt, um die Szene entsprechend auszuleuchten. Insofern bleibt das eigentliche Verbrechen am Rande, erschöpft sich in vagen Andeutungen. Vielleicht ist das auch ganz gut so.

Stefanie Baumm konzentriert die Handlung daher folgerichtig auf die Verstrickungen einzelner Menschen in dieses verabscheuungswürdige Verbrechen. Vielleicht will sie dabei etwas zu viel. Und zu viel bedeutet in diesem Buch: Zu viele Personen haben zu viel miteinander zu tun und sind über zu viele unterschiedliche Stränge miteinander verknüpft. Das mutet alles doch sehr unwahrscheinlich an. Die Autorin erliegt hier zeitweilig ihrer blühenden Fantasie.

Erstaunlich auch, wie es Stefanie Baumm gelingt, aus einer zentralen Figur im System der Organhändler, dem verbrecherischen russischen Drahtzieher, einen Gutmenschen zu machen, der dann als Verräter natürlich in die Fänge seiner ehemaligen Spießgesellen gerät. Von denen wird er zwecks nachfolgender lustvoller Quälerei an einen Geschäftspartner übergeben und, welch glückliche Fügung, überlebt schwer verletzt dessen Quälerei, weil er ja so ein zäher Hund ist.

Diese Passage wirkt deshalb so unglaubwürdig, weil schnell klar ist, dass der Mann einzig und allein überlebt, weil er für die Handlung weiterhin lebend gebraucht wird. Und es lässt sich zudem wunderbar ein Ehegattenmord einbauen. Realistisch betrachtet hätte der arme Mann zu dem Zeitpunkt schon längst mit einer Kugel im Kopf ebenfalls in der Ostsee treiben müssen.

Sei’s drum, fürs Happy End darf der gute Böse nicht sterben und sogar sein BKA-Widersacher hat letztlich ein gutes Herz und lässt die Finger von ihm. Dafür bekommt der als Gegenleistung den wahren Schweinehund frei Haus ans Messer geliefert. Und bei all den zwischenmenschlichen Verquickungen zwischen den Guten und den Bösen, die im Laufe der Handlung immer offensichtlicher werden, wäre es ohnehin eine Schande gewesen, so intensive Verbandlungen zu zerstören – auch wenn es von Rechts wegen hätte sein müssen.

Überhaupt scheint das Stefanie Baumms Art zu sein, der letztendlich siegenden Gerechtigkeit immer auch einen bitteren Beigeschmack zu geben, indem die Gerechtigkeit mit rechtlich fragwürdigen, wenn nicht gar verbrecherischen Methoden zuschlägt.

Im Falle des vorliegenden Buches wird darüber hinaus der Eindruck erweckt, dass die behördlichen Vollzugsorgane im Zweifelsfall schon mal einen Menschen über die Klinge springen lassen, um ihr eigentliches Ziel zu erreichen. Ob aktiv oder duldend, das bleibt im Dunkel. Wenn es sich mit einer Prostituierten dazu noch um ein „vertretbares“ Opfer handelt, ist ja alles nicht so schlimm. Im Militärjargon heißt das dann wohl „Kollateralschaden“. Nicht sehr schön, nicht sehr fein!

 

Fazit: Mit „Der Tod wartet nicht“ ist Stefanie Baumm ein durchaus spannender Krimi gelungen, zu dem ich trotzdem zu keiner Zeit eine emotionale Beziehung aufbauen konnte. Vielleicht lag das am Thema, das in seinen schrecklichen Ausmaßen ohnehin unfassbar ist, vielleicht aber auch daran, dass die Autorin über diesem Szenario einen Fall konstruiert hat, der in der Fülle seiner menschlichen Verknüpfungen und Zufälligkeiten seine Glaubwürdigkeit einbüßt. Dies ist umso bedauerlicher, wenn man beim Lesen erkennt, dass die Autorin es durchaus versteht, lebendige Szenen zu entwickeln, Stimmungen und Emotionen zu erzeugen und Spannung aufzubauen.

Im Falle dieses Buches wäre weniger sicher mehr gewesen!

 

 

Roland Lange, 17.03.2010