Die Maurin von Lea Korte

 

Die Maurin, historischer Roman

Knaur TB, Dezember 2009

672 Seiten, Taschenbuch

ISBN 978-3-426-50230-3

9,95 €


 

Liebe und Leid in Zeiten des Untergangs

 

Im Jahre 1478 wird der südliche Teil der iberischen Halbinsel von den Mauren beherrscht. Noch lebt man in Frieden mit den Spaniern, wenngleich kleinere Scharmützel im Grenzgebiet die Friedfertigkeit auf eine harte Probe stellen.

Als schließlich der Emir Hassan die fälligen Tributzahlungen an die Spanier verweigert, finden die endlich einen Grund,  die Friedensverträge zu brechen und Krieg gegen die Mauren zu führen. Das Ziel der katholischen Könige ist es, das ganze Land unter die Herrschaft der spanischen Krone zu bringen und zu christianisieren.

Doch nicht nur der absolute Wille der Spanier, die maurische Herrschaft zu brechen, auch die Machtkämpfe im maurischen Lager machen jede Hoffnung auf eine friedliche Lösung des Konfliktes zunichte und enden schließlich im Untergang des maurischen Reiches.

 

Mauren und Kastilier, Islam und Christentum – vor diesem konfliktreichen, gut recherchierten historischen Hintergrund erzählt Lea Korte die Geschichte der Halbmaurin Zahra as-Sulami.

Zahra ist ein Mädchen aus besserer Familie mit maurischem Vater und kastilischer Mutter. Sie wächst in Granada auf und pflegt als Hofdame eine enge Beziehung zu Aisha, der Hauptfrau des Emirs.

In einer Zeit, die es islamischen Frauen weder erlaubt, sich ohne Begleitung auf die Straße zu begeben, noch sich selbst den Mann fürs Leben auszusuchen, ist es für Zahra schwer, Sitten, Regeln und Gebräuche einzuhalten, denn die junge Frau hat ihren eigenen Kopf, und den schlägt sie sich immer wieder blutig, insbesondere an den Mauern des väterlichen Widerstandes.  

Aisha jedoch, selbst eine starke Frau, ermutigt Zahra, sich in einer männerbeherrschten Welt durchzusetzen und ihren Weg zu gehen. Dass dieser Weg kein leichter ist, wird schon auf den ersten Seiten des Buches deutlich und Zahra sieht sich mehr als einmal in einer ausweglosen Situation, insbesondere hervorgerufen durch die kriegerischen Auseinandersetzungen, die sie ganz aktiv als Dolmetscherin, Geisel, Inhaftierte oder Flüchtige erlebt.

Dennoch ist Zahras Geschichte weniger die Geschichte einer starken Frau, die bewusst in das politische Geschehen ihrer Heimat eingreift oder für emanzipatorische Ideen kämpft. Vielmehr erzählt Lea Korte in ihrem Buch von einem Mädchen an der Schwelle zum Erwachsensein, das sich durch sein ungestümes, teilweise unüberlegtes Handeln und seine verbotene Beziehung mit einem kastilischen Christen immer wieder selbst in Schwierigkeiten bringt.

 

Ungeachtet der historischen Fakten jener Zeit, die zudem durch Stammbäume und Zeittafel belegt werden, handelt es sich nach meiner Einschätzung bei „Die Maurin“ um einen Liebesroman. Die Ablehnung des vom Vater ausgesuchten Ehegatten, die Liebe zu einem Mann und dessen Bruder aus dem feindlichen Glaubenslager – das sind die Zutaten, die dem Buch über beinahe 700 Seiten hinweg Spannung und Würze verleihen.

Trotzdem hat mich „Die Maurin“ nicht völlig überzeugt. Zu grob geschnitzt erscheinen mir die (Haupt-)Figuren, fast wie im Zeitraffer reihen sich folgenschwere Handlungen der Protagonisten aneinander, ohne dass man Gelegenheit bekommt, deren innere Kämpfe mitzuverfolgen, die den Handlungen vorausgehen. Und wenn doch, dann bleibt alles zu sehr an der Oberfläche, wird in wenigen Sätzen abgehandelt. So erhalten die Figuren nur verschwommene Konturen. Möglicherweise hätte der Verzicht auf die objektiv-ausgewogene Darstellung der Historie zugunsten eines ordentlichen Maßes an Parteinahme für die eine oder andere Seite dem Buch genau die Brisanz verliehen, die ich an vielen Stellen vermisst habe.

Als störend empfinde ich auch die zum Teil unangepassten Dialoge, wie etwa den modern-flapsigen Ausruf: „Na also, geht doch!“ Kaum vorstellbar, dass im 15. Jahrhundert derartige Redewendungen (auch in anderer Sprache) gebräuchlich waren. Schade, dass die Autorin ihre ansonsten ausgezeichnete Recherche nicht auch auf den Bereich der gesprochenen Sprache ausgedehnt, bzw. ihre Erkenntnisse im Buch umgesetzt hat.

Noch eine Anmerkung zur Hauptfigur: Wie schon angedeutet, habe ich Zahra, die Maurin, im Gegensatz zu anderen Rezensenten, weniger als die Frau wahrgenommen, die sich als Persönlichkeit mit Profil dem gesellschaftlichen Frauenbild jener Zeit bewusst widersetzt und die für ihr Land, ihre Liebe und ihre Familie kämpft, weil sie darin ihre Bestimmung sieht.

Eine derart gereifte, kämpferische und selbstbewusste Person ist Zahra ganz und gar nicht! Vielmehr ist sie nach meinem Empfinden über das ganze Buch und all die Jahre hinweg das junge Mädchen geblieben, das auf dem Weg in die Welt der Erwachsenen von einer Bredouille in die nächste taumelt, beschwert von einem übervollen Sack mit Emotionen, wie ihn Jugendliche im Umbruch früher wie heute mit sich herumschleppen.

Wie auch immer man Zahra sehen will, ihre Liebes- und Leidensgeschichte wird den Leser nicht kalt lassen. „Die Maurin“ ist ein bewegendes Buch, das in einer bewegten Zeit spielt und sich bestens als leicht lesbare (Urlaubs-)Lektüre eignet. Wenn dabei zudem eine gehörige Portion Geschichtswissen vermittelt wird, ist das sicher nicht schädlich.

Fazit: Lea Kortes „Maurin“ ist ein Schmöker, der in erster Linie Frauen begeistern wird. Spannend und flüssig erzählt, vermittelt das Buch ganz nebenbei fundiertes Geschichtswissen, auch wenn an vielen Stellen etwas mehr Tiefe und Authentizität wünschenswert gewesen wären.

 

Roland Lange, 1.4.2010