Turm der Lügen von Marie Cristen

 

Turm der Lügen, historischer Roman

Knaur TB, Dezember 2009

496 Seiten, Taschenbuch

ISBN 978-3-426-63992-4

8,95 €


Im Irrgarten von Ränkespielen und Verrat …

 

Frankreich Ende des 13. Jahrhunderts:

Auf ihrer Reise nach Paris bringt Mahaut von Artois, skrupellose Pfalzgräfin von Burgund, ein Kind zur Welt. Wieder ist es ein Mädchen und nicht der erwartete und von ihrem Mann verlangte Erbe. Mahaut trifft daraufhin eine folgeschwere Entscheidung: Mithilfe ihres Getreuen, des Burgherrn von Faucheville, vertauscht sie ihre neugeborene Tochter mit dem ebenfalls gerade erst geborenen Sohn ihrer Kammerfrau, die kurz darauf an Kindbettfieber stirbt.

Nichts von ihrer wahren Herkunft ahnend, wächst Séverine auf dem Anwesen Faucheville in einfachen Verhältnissen auf. Dort trifft sie eines Tages ihren treuen Freund Adrien von Flavy wieder, den Sohn des Burgherren, der nach jahrelanger Abwesenheit nach Hause zurückkehrt und sie als Küchenmagd vorfindet.

Adrien, der von Séverins Herkunft weiß und von seinem Vater zur Verschwiegenheit verpflichtet wurde, ist entsetzt über die Lebensumstände des Mädchens und beschließt, sie mit nach Paris zu nehmen und in die Obhut von Mahauts Tochter, Jeanne von Burgund, zu geben. Dort, so sein Plan, soll das Mädchen die Aufgaben und Pflichten einer Adligen lernen und langsam auf ihre wahre Bestimmung vorbereitet werden.

Jeanne von Burgund ist, genau wie ihre Schwester Blanche und ihre Cousine Marguerite, die Schwiegertochter des französischen Königs, Philipps des Schönen, und daher prädestiniert, die Erziehung des ihr anvertrauten Mädchens zu übernehmen. Weder Séverine, noch Jeanne ahnen zu diesem Zeitpunkt trotz ihrer äußerlichen Ähnlichkeit, dass sie leibliche Geschwister sind.

Es fällt Séverine schwer, das einfache, aber relativ freie Leben der vergangenen Jahre aufzugeben und sich in die Zurückhaltung und die Regeln einer adeligen Dame zu fügen. Doch Jeanne ist eine einfühlsame und geduldige Lehrerin und schon sehr bald sind die beiden Frauen einander von Herzen zugeneigt.

Dann überschlagen sich die Ereignisse: Zwei der drei Schwiegertöchter des Königs, Blanche und Marguerite, begehen Verrat an ihrer Ehemännern – ein beispielloser politischer Skandal, der sie das Leben kosten könnte. Aber nicht nur die beiden Ehebrecherinnen werden angeklagt und verurteilt, auch Jeanne gerät als Mitwisserin ins Visier des Königs und muss sich seinem Richterspruch beugen.

Plötzlich sieht sich Séverine als Jeannes Vertraute in das Ränkespiel höchster höfischer Kreise verwickelt und muss ebenfalls um ihr Leben fürchten. Zum Glück kann sie sich auf ihren Freund Adrien von Flavy verlassen, der alles daran setzt, die Freundin seiner Kindertage vor dem Zugriff machthungriger Höflinge zu schützen und das Geheimnis ihrer Herkunft zu wahren.

Turm der Lügen von Marie Cristen basiert auf Begebenheiten, die sich tatsächlich so zugetragen haben. Es handelt sich bei dem Buch also im besten Sinne um einen historischen Roman. Und „im besten Sinne“ bedeutet hier nicht weniger, als dass es Marie Cristen gelungen ist, die wahren Ereignisse mit fiktiven Beigaben zu einem temporeichen, spannenden Werk zu vereinen, das zu keiner Zeit Langeweile aufkommen lässt. Sowohl die historisch belegbaren Details, wie auch die vorhersehbare, sich aber dennoch leise entwickelnde Liebesgeschichte zwischen Séverine und Adrien tragen dazu bei, dass man regelrecht aufgesogen wird von dem Geschehen und man sich schnell in einem Irrgarten von Ränkespielen und Verrat, von menschlichen Gefühlen und den Fesseln adliger Regeln und Gesetze wiederfindet.

Mit flüssiger Sprache und authentischen Dialogen gelingt es Marie Cristen, die damalige Zeit stimmungsvoll in Szene zu setzen. Ihre Figuren handeln glaubwürdig und lassen den Leser in jeder Minute an ihrem Schicksal teilhaben. Man muss sie lieben, hassen, an ihren Absichten zweifeln oder verzweifeln.

Auch wenn das historisch belegbare, skandalöse Geschehen um den „Tour de Nesle“ seinerzeit weitreichende Auswirkungen hatte und das Buch die vielschichtigen politischen Folgen beleuchtet, bleibt der Fokus doch stets auf die Hauptfigur Séverine gerichtet und die Autorin führt sie auf angenehm unaufdringliche Weise hin zu ihrer wahren Bestimmung und zu ihrem großen Glück. Dabei ist die junge Frau stets die Sympathieträgerin, die es schafft, sich, im Bewusstsein ihrer Jugend als einfache Magd, nicht in der herzlosen Oberflächlichkeit höfischen Treibens zu verlieren. Sie bleibt mit beiden Beinen am Boden, versteht es aber mehr und mehr, ihre wahre Herkunft anzunehmen und sich mit dem ihr eigenen festem Willen gegen Widerstände durchzusetzen und Mauern zu überwinden, ohne dabei ihren liebenswerten Charakter zu verlieren.

 

Fazit: Turm der Lügen von Marie Cristen ist ein unterhaltsamer historischer Roman mit Suchtpotential. Durch die Ausgewogenheit an historischen Fakten und temporeicher, fiktiver (Liebes-)Geschichte spricht die Autorin genau die Leser an, die von einem Buch nicht weniger erwarten als eine gut geschriebene, spannende Story von der ersten bis zur letzten Seite.

Somit also eine eindeutige Empfehlung für Turm der Lügen, die Geschichte eines beispiellosen historischen Skandals, von dem die königliche Familie in ihrem Innersten betroffen war und der in letzter Konsequenz den hundertjährigen Krieg zur Folge hatte.

 

Roland Lange, 3.5.2010